Ikarus-Festival und andere Franchise-Partys oder: Sei kein Congstar, sei ein Hipster

Hier ist der Link zu meinem Festival-Besuch auf dem Ikarus-Festival 2018, einfach drauf klicken 

Ich empfinde es durchaus als Leistung sich über ein Festival zu ärgern, welches noch nicht EINMAL stattgefunden hat. Und das hat dabei nur in zweiter Linie damit zu tun, dass das Ikarus-Festival von den gleichen Veranstaltern ist, die auch das Echelon oder das Contact-Festival (wenn man es so nennen will) verbrechen; aber auch. Da kann ich jetzt auch nicht wirklich was daher lügen. Und es ist wirklich augenscheinlich abstoßend, dass auf diesen „Festivals“ immer der gleiche abgestandene Einheitsbrei an DJs auflegt, Kostprobe gefällig?
Es sind fast immer Lexy und K-Paul da, Moonbootica, Felix Kröcher, Oliver Koletzki, Karotte, Format: B, AKA AKA, Sascha Braemer, Monika Kruse usw. usf. Wohlgemerkt: Das sind gute DJs die die Massen unterhalten und auch teilweise im Underground einen guten Stand haben, das ist nicht mein Problem bei der Geschichte. Es geht darum, dass auf diesen Festivals sich über-haupt-nichts getraut wird. Gar nichts. Es geht nämlich nicht darum der Szene irgendwas Neues zu bieten oder musikalische Räume zu öffnen, sondern eher um eine Art Franchise aufzuziehen, bei der sich nur die Location ändert (also es kommen neue dazu, während die alten trotzdem bestehen bleiben). Da mag zu Beginn sicherlich eine Liebe zur Musik der Motor für den/die Veranstalter gewesen sein, doch inzwischen geht es leider nur ums Geld, was man am aller, aller, allerbesten daran sieht, wenn VIP-Tickets verkauft werden. Klassengesellschaft sollte es beim Techno nicht geben.

Von wegen neue musikalische Räume: Da lobe ich mir das „Organic Dance Music Festival“ in München, dass die großen oder auch nur die gewohnten Namen gerne einmal weglässt und dadurch eben KEINE finanzielle Sicherheit einkauft; den Mut muss man anerkennen.

Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass ich einfach nur ein Mitte 30ger bin, der den alten Zeiten nachheult – das stimmt schon. In meinen Zwanzigern gab es nur zwei Techno-Festivals in Deutschland, die „Nature One“ und das „Sonne Mond Sterne“, die inzwischen die Tyrannosaurus Rex der Camping mit Beat-Szene sind; was aus den Festivals geworden ist lasse ich jetzt mal außen vor. Nur. Es hatte diesen Event-Charakter auf den man sich lange freute. Jetzt kann man – nicht nur gefühlt – an jedem Wochenende im Sommer auf ein anderes Festival gehen: Das Limit wird nur durch die eigene finanzielle Liquidität und den Körper gesetzt, anstatt durch die Möglichkeiten des Verfügbaren. Das kann man jetzt ganz toll finden und wenn man jung und wild ist, kann ich die dabei vorhandene Euphorie auch gut verstehen. Nur. Es geht eben nicht mehr um Qualität, sondern um den Ausverkauf. Es wird (siehe oben) ein gutes Programm auf die Beine gestellt, welches durch die Monotonie der Wiederholung der immer gleichen Künstler zu einem 08/15-Programm wird. Franchise bedeutet immer Gleichheit und Austauschbarkeit und gerade darum sollte es doch nicht gehen, wenn man auf ein Festival geht. Wir leben doch in einer Event-Gesellschaft, was aber geschieht, wenn diese Events keine mehr sind sondern Gewohnheit und Wiederholung von letzter Woche? Dann ist es wirklich nur noch Kirmes oder ein Wanderzirkus, der die immer selben Feuerschlucker und ewig müden Tiger vor ein immer gleich besoffenes Publikum zerrt…

Klar, ihr seid jung und wild und wollt einen Heidenspaß mit euren Freunden haben – das verstehe ich und glaubt mir, keiner gönnt es euch so sehr wie ich, schließlich gehe ich immer noch hin und wieder auf ein Festival. Auch wenn ich mir auf den Techno-Festivals (die ihr „Electro-Festivals“ nennt) immer mehr und mehr vorkomme wie auf dem Ballermann. Okay, wir waren früher auch gut zerstört, doch wir waren eine Szene und diese hat sich nicht durch Beliebigkeit ausgezeichnet. Der große Verdienst des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends war es, dass sich die Stile aller möglichen Musik vermengten und daraus was ganz Neues entstand – und das war geil. Das Problem mit dem aber keiner gerechnet hat ist, dass wenn sich Hip-Hop mit Techno und mit Rock´n Roll vermischt, dass nicht nur die Menschen zusammenbringt, sondern auch die ganze Menge absolut austauschbar macht – spätestens nach dem Ende der Hipster, die irgendwie offiziell keiner leiden konnte; doch wenigstens standen sie für was. Für Ahnung zur Musik und einen (wenn auch bescheuerten) Mode-Stil; glaubt mir aber, JEDER Jugend-Mode-Stil ist bescheuert, da kamen die Hipster noch ganz gut daher. Nun aber fällt selbst das weg und übrig bleibt eine betrunkene Masse mit Scheiß Sonnenbrillen und blöden Kostümen, die sich auf keinem Festival der Nation mehr unterscheidet, ganz egal was für Musik gespielt wird: Es geht nur noch ums Niedersaufen – und Saufen ist nicht gleich Party. Ja. Wir haben damals mehr Drogen genommen als ihr (oh ja) aber wir waren nicht nur wegen der Drogen da, sondern wegen dem Gesamtpaket aus Musik, Freunden und Spaß. Es gab noch eine „verschworene Szene“, die auch ein wenig intolerant in ihrem Streben nach mehr Toleranz war. Heute wird alles toleriert, weil Jedem eh alles scheißegal ist; die Menschlichkeit geht verloren.

Die 90ger Techno-Kids würden die Hände über den Kopf zusammenschlagen würden sie sehen, was aus der Utopie „Alle feiern miteinander“ geworden ist: Ein kommerzieller Ballermann auf dem sich die Leute cool vorkommen und die Frage nach einer Einstellung oder gar Aussage nur Gelächter als Antwort haben würde. Der Ausverkauf und die „gute Party“ mit dem Ewiggleichen Volksfest-Ingredienzen. Wenn man auf so was steht: Viel Spaß. Und selbst das meine ich ehrlich. Jedem das Seine und mir ist vollkommen klar dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, jedoch tut es jedes Mal wieder weh wie ausverkauft so eine Jugend heutzutage ist, wie unkreativ, angepasst und trotzt all dem Gegröle auch sehr kalt. Nicht damals tanzte jeder für sich allein- HEUTE tanzt jeder nur für sich und sein Selfie… Ja. Nein. Man müsste den Werbespruch von Congstar umdrehen damit er lautet: „Sei kein Congstar, sei ein Hipster!“, damit meine ich: Sei was du willst und tu was dir Spaß macht. Du bist jung und das muss man genießen. Lass dich nicht auf Firmennamen und –sprüche reduzieren, denn wir sind mehr als die Klamotten die wir tragen, die Handys die wir benutzen oder die Musik die wir hören. Ja. Wirklich. Ich bin doch lieber ein Hipster mit Überzeugung als ein Firmen- und Werbesklave… Ihr seid doch jung, ihr wollt doch Einzigartig sein: Dann feiert nicht jeden Dreck ab, nur weil er gerade da ist… Und da sind wir dann wieder bei den Festival-Franchises angekommen…

Dieser Overkill an Festivals an jeder Straßenecke wird enden. Alles endet. Irgendwann bricht die Nachfrage – wie immer – zusammen und nur die guten Festivals werden übrig bleiben. Die, mit denen man was verbindet, die was Besonderes geleistet haben. Elektronische Musik ist nun mal kein Burger. Franchise hin oder her. Wir mussten das ja Ende des letzten Jahrtausends lernen – und es war gut dass wir das lernen mussten.

Zurück zum Ikarus-Festival.
Dieses wird im/am alten Fliegerhorst Memmingen abgehalten, da habe ich witziger weise meinen Bundeswehrdienst abgeleistet und glaubt mir, schon damals wurden dort gut Drogen verkauft; ich habe die Geschichte schon ein paar Mal erzählt, deshalb ganz kurz: Bei der Bundeswehr herrschte (herrscht?) eine große Nachfrage, da es dort ziemlich langweilig war.
Ich werde dorthin zu den Audiogate-Leuten zurückkehren, die an der gleichen Location wie das Ikarus ein Tagesfestival auf die Beine stellen. Und ja, da kommen auch wieder viele übliche Verdächtige, auf Tiefschwarz z.B. hätte ich gerne verzichtet – doch so ist das nun mal in der Szene; es verlangt ja niemand dass man die Time-Tables neu erfindet.
An den Audiogate-Veranstaltungen sind jetzt nicht so überproduziert oder auf den reinen Ausverkauf ausgelegt, da wackelt es hier und da ein wenig in der Organisation und es ist eben nicht alles perfekt, dennoch merkt man, dass es dem Veranstalter nicht zu 100 Prozent ums Geld geht; beim Echelon geht es dagegen auch nur ums Geld und das ist nicht mal gut organisiert. Und. Das Audiogate ist jedes Mal an einer anderen Location. Das ist doch total sympathisch. Dass man sich traut jedes Jahr, immer mal wieder woanders, was Neues hinzustellen.

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Ein Gedanke zu “Ikarus-Festival und andere Franchise-Partys oder: Sei kein Congstar, sei ein Hipster

  1. Pingback: Ikarus-Festival 2018 in Memmingen – Erlebnis- und Erfahrungsbericht/Kritik – Strategien gegen Vernunft

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