Angst vor Jugendlichen

Mit dem Alter versteht man, dass der Körper eben nicht aus Stahl ist. Das dachte ich einmal von mir selbst, auch wenn ich es nicht mit diesen Worten benannte, nein, es fühlte sich einfach so an. Ich war einfach jung und wenn man das ist, fühlt man sich wirklich wie der junge Siegfried. Das Blöde ist nur, dass selbst der große Siegfried, der Drachentöter, eine Stelle hatte, an der er verwundbar, an der er normal menschlich war. Und das sind wir immer. Egal in welchem Alter. Wir verdrängen das.Wollen es nicht wahrhaben. Denken an andere Dinge. Doch die Wahrheit holt uns immer ein.

Henry Rollins erzählte in einem seiner Spoken-Words-Programme, dass er irgendwo in einem fremden Land unterwegs gewesen war (ich glaube es war Afghanistan oder der Irak – jedenfalls eines dieser Länder, die einem Amerikaner nicht besonders wohlgesonnen sind), auf einer von Straßenlaternen beleuchteten, abgelegenen Straße, die von ein paar Jugendliche aus Spaß an der Freude kaputt geschlagen wurden. Einfach so. In aller Öffentlichkeit. Die 3 Jugendlichen (ich schreibe das aus dem Gedächtnis, bitte verzeiht mir Fehler in der Nacherzählung) waren so um die 13 bis 15 Jahre alt, und er muss damals so um die Mitte 40 gewesen sein, und ihm machten diese Jugendlichen Angst, da er (obwohl er selbst heute noch gut trainiert ist) glaubte, gegen die Kids keine Chance zu haben. Wenn man Mitte 20 ist und im Saft steht, fügte er hinzu, sind das nur ein paar Kids mit denen man locker fertig wird. Wenn man aber einmal die 40 überschritten hat, sieht man das ganz anders.
Der Körper will nicht mehr so. Man hat auch schon ein paar Kämpfe verloren. Und man weiß, wie sich das anfühlt.
Die Kids interessierten sich dann auch nicht für ihn.

Daran dachte ich erst, als wir nach Köln gefahren sind. Die Regionalbahn war, wie im Ruhrgebiet fast schon üblich, übervoll und es saßen ein paar junge Typen arabischer Abstammung auf den Treppen zum Ausgang. Sie waren Anfang 20. Und man merkte ihnen genau, dass sie sich die Hörner noch nicht abgestoßen hatten. Sie sprachen cool und locker daher; überheblich, viel zu laut. Was einer wie ich überhaupt nicht schlimm finden kann. Schließlich. War ich früher auch so. Einer dieser arroganten Kerle, der glaubte etwas zu haben, was andere nicht haben. Das heißt nicht dass diese Jungs aggressiv waren oder mich mehr taxierten als irgendwem anders. Ich war denen sicherlich mehr egal als sie mir. Trotzdem strahlten sie für mein Gefühl eine unangenehme Aura aus. Und es spielte für mich in dem Moment keine Rolle, ob ich vielleicht früher genauso war; das stimmt nicht, vielleicht machte dass die Situation für mich sogar noch unangenehmer,wenigstens unterbewusst… Jedenfalls vermied ich es sie anzusehen, ganz instinktiv. Wie gesagt: Die hätten mir SCHON NICHTS GETAN. Doch darum ging es für mich in dem Moment nicht. Es ging für mich darum, dass ich verstand, nicht mehr jung zu sein. Und ich auch keine Lust mehr auf Konflikte habe.
Darüber habe ich die restliche Fahrt viel nachgedacht. Über dieses Wegsehen. Dieses Abducken.

So ein „Unterlegenheitsgefühl“, welches eine direkte Nähe zur Angst hat, rührt daher, nicht mehr jung und stark zu sein. Der Verlust der Jugend ist nicht nur ein Verlust von Schönheit und Aufmerksamkeit die man generieren kann, sondern es gipfelt direkt in ein Gefühl der Unterlegenheit. Der Schwäche. Und der Beginn der Angst ist bekanntlich der Beginn der Sklaverei… Es muss sehr viele Menschen geben, die in dieser Angst leben, die es gewohnt sind eher auf den Boden zu sehen, als den Mitmenschen ins Gesicht, besonders nicht den lauten Jugendlichen, die sich weder ihrer AusdrucksKRAFT noch ihrer Schönheit bewusst sein. Man sieht weg, weil man nicht da sein will. Weil. Man alleine sein will… Das geschieht einfach aus der Angst heraus. Weil man nicht mehr körperlich mithalten kann.
Ich glaube das geschieht ganz langsam: Am Anfang geht man erst lieber nicht mehr feiern weil es zu anstrengend ist und bleibt lieber zuhause, am Ende hat man Angst vor die Türe zu gehen, da die Welt sich dort nicht mehr „sicher“ anfühlt. Es ist ein schleichender Prozess.
Wenn man jung ist, begreift man das nicht.

Ja. Ich habe schon lange keine Lust mehr auf Ärger. Bin friedlicher geworden, was auch heißt, dass man mehr hinnimmt. Manchmal vermisse ich diese Zeiten in denen ich wild, aber auch sehr dumm war; das Dumme hat sich in diesen Momenten ja nicht so angefühlt, sondern mehr wie eine sehr echte Form der Freiheit, da man ja die Jugend hatte um sich die Freiheit zu nehmen, auch einmal etwas Dummes zu tun. Weil man sich für unzerstörbar hält. Ein paar Wehwechen und mit immer wieder auftretenden Rückenschmerzen später hat man auf die harte Tour gelernt, dass dem so nicht ist. Das ist der normale Gang der Ding: Erst hält man sich für unglaublich stark oder unendlich schön, um dann zu lernen, dass die Schönheit und die Kraft eines Tages weg ist. Dass man sie vergeudet hat. Verschenkt. Verlebt. Für nichts… Im Prinzip. Und dann will man nur noch sein Leben so leben, wie man es am liebsten hätte: In Ruhe und in Frieden. Ohne Schmerzen. Alles andere macht einem Angst.
Das ist natürlich vernünftig. Wenn es im Rahmen bleibt. Doch damit ist es wohl ebenso, wie die Mut nahe zur Dummheit liegt. Es ist eine Gratwanderung. Und es ist sicherlich leichter und in unserer Gesellschaft natürlicher, ängstlich anstatt mutig zu sein.

Die Menschen nutzen das aus. Die Politik, die Medien, die Wirtschaft… Sie spielen mit unserer Angst alt zu werden. Sie schüren sie sogar noch. Sie hetzen uns gegeneinander auf. Kriminalisieren die Jugendlichen, nur um uns Angst zu machen. Damit wir still und brav sind. Unsere Wohnungen wie goldene Festungen schmücken. Und berechenbar bleiben. In unseren Särgen mit Flat-Screen. Sie machen Geld mit unserer Angst. Und obwohl ich das weiß. Und obwohl ich mir sicher bin, dass viele, fast alle Menschen das auch wissen, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nicht eines Tages auch von dieser Angst gefangennehmen lasse…

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4 Gedanken zu “Angst vor Jugendlichen

  1. Nun ja, die Angst ist auch ein Wecker, etwas, was dich aufrütteln kann. Und man könnte auch die Frage stellen, lässt sich die Angst vor Tod und Verletzung überwinden?

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