These boots are made for walking…

An Anthony Rother habe ich schon ewig nicht mehr gedacht. Eine Internet-Bekannte die ich nur einmal auf einem Konzert traf, hat bei ihm eine Ausbildung zu sonst was gemacht. Doch nicht deswegen kam er mir gerade beim Hören seines „Father“s in den Sinn, sondern dass er kurz vor dem Love Parade Unglücks von Duisburgs die – auch wenn ich mich nicht erinnere, doch sicherlich beknackte – Hymne der damaligen Love Parade gespielt hat. Da war die Welt noch in Ordnung. Ein paar Stunden später waren 21 Menschen die nur friedlich zusammenfeiern wollten tot. 541 verletzt.

m asd

Mir geht es bei meinem kleinen Gedanken jetzt gar nicht so um Anthony, sondern darum, dass die Menschen die dort verletzt wurden, psychologisch behandelt wurden. Wenigstens hoffe ich das. Aber nein. Noch genauer gesagt geht es mir nicht direkt um die verletzten niedergetrampelten Menschen, sondern die große stille Masse, die die anderen zu tote getreten haben. Wie leben sie damit? Was für Ausreden flüstern sie sich selbst ein? Haben sie auch Hilfe gesucht? Oder haben sie es verdrängt? Leiden sie noch daran? Sagt man sich: „Wenn nicht die dann wäre ich jetzt tot?“ Nun, das bestimmt. Gegen den Selbsterhaltungstrieb kommt man in solchen Situationen nicht an.

Es gibt keine direkte Schuld der Menschen dich sich retten wollten und dafür nicht nur sprichwörtlich „über Leichen gingen“. Doch als normal denkender, moralischer Mensch muss doch da eine Teilschuld im Herzen vorhanden sein, denn es ist keine abstrakte Schuld wie die die ich gegenüber Dritte Welt-Ländern verspüre, weil sie durch meinen Lebensstil leiden, hungern, sterben oder bald im Meer ertrinken werden (seien es die Flüchtlinge vor Europa, als auch die Küstenanwohner, die in ein paar Jahrzehnten keinen festen Boden mehr unter den Füßen haben werden); das kann ich einfach verdrängen, weiter aus Kunststoffflaschen trinken, weiter mit dem Auto zur Arbeit zu fahren und nicht politisch aktiv zu sein.

Ich glaube, die Menschen fressen so was wie in Duisburg in sich hinein und denken nur ganz selten daran was passiert ist. Man spricht ja von einer „Tragödie“, fast schon von einer höheren Macht, für die keiner die Schuld übernehmen wollte. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich selbst frei von Schuld fühlt, wenn man über Menschen voran stolpert, ganz gleich wie sehr man geschoben wird und wie eingezwängt man ist. Denn irgendwann ist die Panik weg, die Luft wieder in den Lungen und dann muss doch das Gehirn wieder auf Normalbetrieb laufen…

Ob die Leute darüber reden?
In Anthony Rothers Lied heißt es:
“If you can’t tell me how you feel
I may say, there will be no freedom”

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2 Gedanken zu “These boots are made for walking…

  1. Ich glaube auch, dass die Mit-Täter – auch wenn sie sich im akuten Moment des Menschen-Niedertrampelns nichts so gefühlt haben mögen – darunter leiden, was sie getan haben bzw. was sie nicht zu verhindern versucht haben. Es muss erschreckend sein, irgendwann danach mit Luft in den Lungen und einem Gehirn im Normalbetrieb sehen zu müssen, was für ein dummes Herdentier man gewesen ist. Dass man generell nichts hat als seinen Überlebenstrieb, egal ob man noch Stunden zuvor in der Uni Kant zitiert hat oder Gleichungen gelöst. Ein Tier, ein rücksichtsloses, das nichts kennt als den eigenen Vorteil auf Kosten Anderer.
    Aber hey: Hätte man diese Fähigkeit nicht, das Gehirn als solches im akuten Notfall auszuschalten, wäre die Menschheit vielleicht schon längst ausgestorben. Alle Skrupel und moralischen Normen dieser Welt helfen einem nunmal nicht, wenn man mit einem Anderen um den letzten Platz im Rettungsboot kämpfen muss…

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