Ein amerikanischer Held

Thomas war das, was jeder amerikanische Junge sein wollte. Er war ein Vorbild, ein Held – ein ECHTER Held. Kein Football-Player oder Soldat. Ein Poster-Boy und Medienpersönlichkeit wurde er erst später. Thomas war ein Superheld. Sein einziges Problem war nur: Er war kein Amerikaner.

Seine Superheldenjugend erfüllte alle Klischees, die wir aus den schlecht gezeichneten Heftchen unserer Väter kennen. Thomas war Außenseiter. Das ging schon dabei los, dass er bald verstand, dass seine Eltern nicht wirklich seine Eltern waren. Superkräfte hin oder her: Schon jetzt verstand er auf seine Art, nicht ganz dazuzugehören, entwurzelt zu sein. „Anders“ fühlt sich ja jeder Jugendlicher. Und wer selbst fliegen, als auch über unnatürliche Kräfte verfügt, der empfindet sich zwar auf der einen Hand erst Recht anders als die anderen, dennoch schien das als typischer Jugendlicher ganz natürlich zu sein, nicht so zu sein wie der nicht fliegende Rest, der mal eben kein Schiff hochheben konnte.
Dann ging alles ganz schnell.
Er rettete hier und da ein paar Leute aus dem Feuer, und dank Facebook wussten bald alle, WER er war. Superhelden-Identitäten kann man im neuen Jahrtausend nicht schützen. Thomas, den man einfach nur „Superheld“ nannte, wurde eine Nationale Berühmtheit. Ein Vorbild. Und das als Deutscher. Da Deutschland jedoch nicht gerade zu den Ländern zählt, die auf Superhelden angewiesen sind, wagte er sich immer öfter in andere Länder vor, um dort in Notlagen zu helfen. So stoppte Thomas Springfluten vor Thailand, brachte Radioaktives Material aus verstrahlten AKWs in Japan (auf den Mond) oder beendete Geiselnamen in Russland. In Diplomatische Dinge griff er nicht ein: Nur für Katastrophen oder Notlagen. Thomas. Der Superheld. War nicht interessiert an Politik.

In manchen Gegenden der Welt wurde er als eine Art Gott verehrt. Bald hatte er seine eigene Sekte (er nannte sie spaßig seinen „Fanclub“) und musste sich schnell mit Spinnern aller Art herumärgern. Der Ruhm hatte auch seine schönen Seiten; in seinem Alter waren die Frauen ein Geschenk. Rockstars waren Schülerbandmitglieder gegen ihn. Sportler wirkten lächerlich. Präsidenten sahen neben ihm so aus, wie sie wirklich sind: Alt, dick und Machtbesessen.
Das amerikanische Militär sah ihn bald als Feind an. Sie konnten ihn ja auch nicht kontrollieren. Im Prinzip – wenn er gewollt hätte – hätte Thomas überall auf der Erde hingehen können. Immerhin war er schon auf der Sonne spazieren gegangen.
Wir kennen es aus dem TV: Wenn man einen Held nicht angreifen kann, greift man sein Umfeld an. Seine Familie. Und nachdem Thomas in den Superdome nach New Orleans am zweiten Tag (nachdem er davon erfahren hatte) Wasser gebracht hatte, gab die Regierung eine Stellungname ab, dass jedes weitere Eindringen in amerikanisches Hoheitsgebiet des „Superhelden“ als terroristischer Akt angesehen werden würde, der eine Invasion Deutschlands zur Folge hätte – kein Witz. Auch wenn es wie ein Scherz anmutete, denn selbst die größte Streitkraft auf Erden könnte ihm nichts anhaben. Nur. Konnte Thomas nicht überall gleichzeitig sein.

Thomas begriff, dass die Comics gelogen hatten, auch die Blockbuster im Kino. Es ging in den Heldengeschichten nicht darum, dass ein einzelner die Welt rettet. Es geht darum, dass ein Amerikaner die Welt rettet. Darüber hatte er nie nachgedacht. Für ihn waren Helden Staatenlos. Unpolitisch. Fair. Ohne Parteibuch. In Wahrheit verstand man einen Superheld zuerst als Amerikaner, dann als Übermensch – hin und wieder verschwammen die Grenzen der äußeren Betrachtung. Ein Superheld, der kein Amerikaner ist, ist ein Schurke. Eine Bedrohung. Ganz gleich wie sehr er sich Mühe gibt „Gutes“ zu tun. Was man nicht kennt, vor dem hat man Angst.
Der Superheld nahm es mit Humor. Zu tun gab es immer noch genug, auch ohne der „größten Nation“ der Welt zu helfen. Es gab genug Regierungen, Mütter und Väter, die bereit waren den Vater oder die Mutter eines anderen zu töten oder zu missbrauchen. Das war kein speziell amerikanisches Problem. Dennoch fühlte sich Thomas missverstanden. Er wollte doch nur Gutes tun. Ganz gleich wo jemand lebt und was für eine Hautfarbe er hat oder Sprache er spricht. Und als Amerika ihn brauchte und er nicht kam, warf man ihm Rassismus vor. Bei ihm. Dem Deutschen. War das schnell passiert.
Auch Helden können weinen – denn im Gegensatz zu den Staatsoberhäuptern konnte er die Menschen weinen und sterben hören…

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