Unklug

Ich kann das ja nicht. In den richtigen Momenten das Richtige sagen, kausallogisch zu reagieren. Gerade in der Arbeit. Das liegt daran, dass wir alle unsere eigene, subjektive Kausalität erlernt haben, die man eben nicht objektiv auf jeden Moment und jede Person herunter brechen kann. So viel zu den Göttern der Psychologie und der Verhaltensforschung…
Meine Arbeitskollegen hätten in dem Moment bestimmt anders reagiert, als der Meister sie um einen persönlichen Gefallen gebeten hat. Sie hätten keine „Fresse gezogen“, sondern hätten das nur freundlich und berechnend abgenickt, um später (in welcher Form auch immer) die Lorbeeren zu kassieren. Ich muss bei persönlichen Gefallen für den Chef gleich an die Klischees aus der Lehre denken, an Situationen, die ich nie erlebt habe, die mir jedoch durch das ständig wiederholte Mantra der Geläufigkeit im Kopf verblieben sind: Wie man als Lehrling das Auto des Chefs gewaschen hat. Wie man den Rasen des Boss gemäht hat. Nein. Das ist nie passiert. Aber daran musste ich denken.
Zudem dachte ich mir natürlich das, was sich jeder denkt der in der Arbeit unter Strom steht (ganz egal, ob dieses Stromgefühl wahr oder eingebildet ist): Was soll ich denn sonst noch ALLES machen? Wahr ist natürlich, dass man als Arbeitssklave oft das Gefühl hat, dass Arbeit nur noch zu einem selbst delegiert und abgeladen wird, während „der Mensch, der die Verantwortung trägt“ immer fauler wird. Also reagierte ich pampig, aber bejahend. Die Dümmste aller möglichen Reaktion, da sie mir am wenigstens weiterhilft. Kein ganzes Ja, ein kleines Nein also.

Wäre ich klüger hätte ich mein nettes „Ja-gern-aber-ich-muss-das-ja-nicht“-Lächeln aufgesetzt und hätte die Arbeit nebenher erledigt (so wild war es nicht), doch so clever bin ich nicht. Und damit bin ich nicht allein. Ich glaube, wir könnten alle bessere Jobs haben, bessere Chancen, mehr Erfolg, Ruhm und Achtung, wenn wir über diesen kleinen inneren Schweinehund, diesen Schatten Titels „Charakter und Persönlichkeit“ springen könnten. Es wäre bestimmt besser für uns, für das Arbeitsklima und erst Recht für den Chef. Aber wir können es nicht. Und wir wollen es nicht. Weil wir gelernt haben, dass das ewige Ja zum Ja uns eher geschadet, als genutzt hat. Wir haben die Erfahrung gemacht, ausgebeutet zu werden, was uns misstrauisch werden ließ, ganz gleich (siehe oben) ob diese Ausbeuten wirklich real gewesen ist oder nur Einbildung. Es ist Teil unserer Kausalität geworden, nicht „richtig in den richtigen Momenten“ zu interagieren. Das ist schade. Dadurch gehören wir zu den Menschen, die „sich selbst im Weg stehen“. Die lieber mal die Klappe halten sollten…
Dabei ist es doch sehr löblich, man selbst zu sein, Unruhe zu stiften und nicht alles ab zu nicken, denn auch wenn man zwar seiner Karriere im Weg steht, heißt das ja auf der anderen Seite, seinen eigenen Weg zu gehen. Was ich damit eigentlich sagen will, ist, dass mir Menschen viel lieber sind, die sich aus Ehrlichkeit manche Wege verbauen, als Arschkriecher zu sein. Ich meine das nicht nur, weil ich mich in dieser Gruppe sehe, sondern durchaus auch deswegen, weil jeder einmal das Getriebe geschmiert hat. Aber es sollte Punkte geben, die nicht überschritten werden sollten. Und das hat mit der eigenen Kausalität zu tun, mit dieser ominösen Würde, die eigentlich unantastbar sein sollte. Würde… Ist das nicht der eigene Erfahrungsschatz, die eigene Kausalität? Ist das nicht dieses „Wir-Selbst“, dass uns diese Werbeagenturen im Hinblick auf größere Verkaufszahlen auf die Fahnen dieser Zeit geschrieben hat?… Es ist eine Mischung aus Charakter und Egoismus und ich weiß nicht ob das gut oder schlecht ist. Ich weiß nur, dass es (was mich angeht) einfach nur wahr ist.

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden zu deinem Charakter“, heißt es in der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“. Das ist wohl wahr. Aber es ist auch richtig, das gerade die Unachtsamkeiten unseres bereits ausgebildeten Charakters uns aus machen. Dafür sollten wir uns nicht schämen. Wir sollten es auch nicht ändern, wie es die „Ratgeber-Kultur“ fordert. Wir sollten es kultivieren und auf unsere Zotigkeiten stolz sein. Wenn schon „Versager“, dann mit Überzeugung. Denn lieber Versager, als Ja-Sager.

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6 Gedanken zu “Unklug

  1. Bei uns wird eh nicht gefördert, sondern nur gefordert..
    ich verstehe gut was du meinst, bin aber weiterhin unentschlossen, da es bei den anderen eben gängige Regel ist zu Kuschen, und ich nicht immer der Querschläger sein will. Die Jahre runden die Menschen ab – wenigstens ist das mein Gefühl.

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  2. Ich persönlich finde es ja wichtig, dass man den „privaten Gefallen“ für Vorgesetzte einen Regel vorschiebt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schnell das ausgenutzt wird, wie schnell aus Gefallen Selbstverständlichkeit wird. Insofern neige ich mittlerweile auch eher dazu, nein zu sagen. Fakt ist, es bringt einen beides nicht weiter. Gefallen von Mitarbeitern werden genauso schnell vergessen und werden nicht in Betracht gezogen, wenn es um die Förderung dieser Mitarbeiter geht. Anecken ist da manchmal hilfreicher, damit fällt man wenigstens auf.

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