Southside 2012 Der Rückblick

Was macht man wenn auf ein Festival fährt, bei dem man vom Line-Up nicht wirklich überzeugt ist? Genau: Nudelsalat. Wobei ich damit eigentlich sagen will, wie dekadent (also erwachsen…) unser Campingverhalten geworden ist. Früher reiste man mit einem 20 Mark Iglu-Zelt an, stöhnte im Regen, fluchte in der Sonne. Zog seine Ernährung durch die Nase.
Heute: Ach, das Essen können wir wieder mitnehmen, im Kühlschrank wird ja nichts schlecht. Das ist natürlich schon geil, doch es ist auch eine Metapher dafür, dass man mit 31 Jahren nicht mehr GANZganzGANZ vorne steht, sondern sich ein Konzert nicht einmal hinter dem ersten Wellenbrecher ansieht (was in der Jugend der Gipfel der Konzessionen war), also schon einmal ganzGANZganz hinten steht, bei der zweiten Boxenwand. Dafür sieht man jetzt ja alles. Irgendwie.
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Auch. Wenn man dann doch wieder mittendrin im Wahnsinn war ;D

Wetter (machen wir diesmal ganz kurz – ich versuche auch den Text kürzer als die letzen Jahre zu halten, beschränke mich auf die Bands) war am Donnerstag stürmisch, Freitag/Samstag heiß und schwül, Sonntag wurde uns ein Wolkenbruch angekündigt, der zum Glück ausfiel.
Kleiner Tipp am Rande: Vergesst die Wetter-Apps von euren Smart-Phones zum Thema Wetter – oder – gleich die ganze Wettervorhersagen überhaupt. Da hat ja gar nichts gestimmt…

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Die erste Band war irgendwie wie THE COMPUTERS doch von denen kann ich überhaupt gar nichts mehr in meinem Bergwerk der Erinnerung ausmachen – so geil können sie also nicht gewesen sein.

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Später folgten dann die irgendwie unauslöschlich GUS GUS (ebenfalls auf der White Stage, der Stage mit dem wirklich eigentlichen und einzigen Dance-Floor), dem mich ziemlich kalt ließen. Das war wie zu erwarten flächiger, tranciger Sound, zu dem man sich schon gut treiben lassen konnte, doch für ein Festival, das als „Rock-Festival“ bezeichnet wird, war mir das in diesem Moment meines Lebens einfach zu wenig – an allem.

Nun stellte sich die Frage aller Fragen: Fußball oder Konzert? Das war natürlich schon eine harte Nuss. Denn. Viertelfinale. Deutschland gegen Griechenland. Oder. Busy P. Bonaparte. Oder Ärzte. Ich entschied mich dann für ein bisschen was von Allem, doch das war natürlich irgendwie auch ne blöde Entscheidung. Ich mag auch kein Publi-Viewing. Ja, ja, ich weiß, andere feiern das total ab, dieses in der Menge stehen und grölen, mich aber nervt das, denn man bekommt einfach zu wenig mit vom Spiel. Beim Stand von 3 zu 1 spurtete ich dann zur Red Stage um mir dort Bonaparte anzuhören. Vorher aber spielten dort M83. Die kannte ich gar nicht, doch wie die wüst und brutal Soulwax mäßig in ihre Instrumente prügelten, das war schon sehr sympathisch. Die Menge warf sich direkt in ihren Sound.

Nach der Umbaupause und der typischen Frage: „Weißt du wie das Spiel ausgegangen ist?“ Und der noch typischeren Nachfrage: „Du verarscht mich doch nicht, oder?“ rockten BONAPARTE das Zelt. Bonaparte stehen für exzessive Partys, sowohl auf der Bühne, als auch unten (Nacktheit garantiert), doch wie ich da so in der Mitte in meinem und fremden Schweiß dann doch herum pogte und schrie, kamen mir die guten hedonistischen Bonaparte schon eher wie ne Zirkusnummer vor: Das ist Bonaparte, wir drehen also alle am Rad, auch wenn es gerade nicht so wahnsinnig ist. Weiter. Zudem störte es mich da schon gewaltig dieses Auseinanderdrücken um einen Kessel zu schaffen, um dort herumzuspringen. Zirkel. Klar. Aber muss man das bei JEDEM Lied machen? Das nervt. Man kann auch so herumspringen, ohne eine halbe Minute herumstehen zu müssen. Bonaparte waren meiner Meinung nach schon gut, aber halt doch…

Ich war dann kurz bei den ÄRZTEN drüben und hier war mir das Nummernding noch viel extremer aufgefallen. Musikalisch und Fun mäßig kann man da bestimmt auch gut durchdrehen, haben mich dabei aber gar nicht angemacht. Typisches Superstar-Deutschrock-Ding. Austauschbar mit den Toten Hosen. Ne…. Lass mal.
Dann doch lieber rüber zu Justice. Die fand ich auf ihrer Tour in München nicht gerade legendär, aber Herrgottverdammt: Es ist Justice. Da meine Erwartungen niedrig waren, blieb ich am Ende vollkommen begeistert zurück. Ich suchte mir einen Platz in der Mitte, von wo ich einen guten Blick auf die Bühne hatte, aber (viel wichtiger) genug Platz zum Tanzen hatte. Anfangs tanzte und sprang da nur ich herum, während am Ende die ganze Blue Stage in Euphorie gebadet johlte. Das hat natürlich auch etwas, wenn eine Band mit ihrem Sound ein Publikum erst einmal überzeugen muss – und es auch schafft. Extrem geil fand ich auch, dass dort von der Bühne kein großes Anheizen kommt, sondern cool die geile Scheiße rausgehauen wird, nach dem Take-it-or-leave-it-Prinzip, somit kein Animationsprogramm ala Ballermann.
Das Set ist natürlich (leider?) von vorne bis hinten durch designt, so dass ich jeden Ton schon kannte und wirklich jede Tanzbewegung saß. Also. Ein drittes Mal gebe ich sie mir bei dem Set nicht mehr. Aber. Richtig fett war es schon.

Samstags steuerten wir schon mittags in der Sommersonne umher. Sahen uns SWITCHFOOT an, die in ihrer halben Stunden Spielzeit wirklich eine gute Show ablieferten. Klar. Um 13 Uhr ist da noch nicht viel los, doch die Amerikaner (oder?) hätten auch 10 Tausend Leute gut unterhalten. Gute Musik, die Spaß gemacht hat. Etwas Mitklatschen. Etwas Eis essen. Knien und hochspringen. Warum auch nicht?

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Am Nachmittag (in einer Bullenhitze) rein in das Maßlos überfüllte Zelt zu KRAFTKLUB. Was will man zu Kraftklub noch groß sagen? Sie sind das große Ding der deutschen Indie/Rockszene. Ein Selbstläufer und Publikumsmagnet, der eigentlich viel besser auf eine große Bühne gepasst hätte, doch, gerade weil das Zelt so überrannt war, war es geil und „familiär“. Eigentlich wollte ich ja in der Mitte stehen bleiben, doch schon beim ersten Lied wurde ich bis ganz vorne vor gedrückt, bis mich nur noch ein paar Meter bis zur Band trennten – das habe ich in all den Jahren auch nicht erlebt. Das Kraftklub-Konzert war das Beste am ganzen Wochenende. Zwar gab es auch hier das typische Animationsprogramm, ABER: Die Leute feierten die Band so ab, dass sie schon hüpften, sangen und schrien, BEVOR das überhaupt verlangt wurde. Kraftklub sind eine sehr junge Band, und man sah es ihnen sichtlich an, dass sie ebenso geflasht waren, wie die Crowd; wobei ich nicht immer weiß was man davon halten soll, wenn eine Band sagt, dies sei eines der besten Festivals gewesen, auf dem sie je auftraten. Lustig: Kraftklub verwechselten das Southside mit dem Zwillingsfestival Hurricane und ließen sie lautstark belehren. Auch. Wenn erst eine halbe Stunde später Pfennig gefallen ist. Das war spaßig, die Texte ideal zum Mitsingen – und so ne Wall of Death am Schluss hatte auch was für sich. Auch dem Sänger beim Stage-Diven zu helfen. Das war einfach nur stark.
Als ich dann nach dem Konzert rauskam, war ich so durchschwitzt, das ich draußen bei 30 Grad zu frieren anfingen: Wie heiß zum Teufel war es in dem Zelt gewesen?

Erschlagen hörten wir uns noch das vom Sound her schlechte Gerappe von K.I.Z. an, dann wankten wir zurück zum Camping (wobei wir da den idealen Platz hatten, yeah ;D ).
Wie es oft so ist liegen wir abends einen Haufen Bands liegen. Also nichts mit „The XX“ oder „The shins“. Camping macht ja auch Spaß. That´s Festival.
Zu THE CURE waren wir dann schon wieder am Start, doch die waren auch nichts für mich. The Cure ist so ein typischer Fall, wo man die Band mögen muss, um Spaß zu haben. Mir gefallen sie nicht. Und so stand man da. Nippte. Scherzte. Und maulte lachend. Die Dixxie-Klo-Situation war inzwischen auf dem Festival selbst schwer erträglich, so dass man an bestimmten Stellen im Gras lieber keine offenen Schuhe anhatte, weil… Nach „Lullaby“ gingen wir essen.
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Ich war schon ziemlich kaputt, doch zu STEVE AOKI wollte ich auf jeden Fall. Aoki ist eine Ikone des Electro(clash), allen voran wegen seinem Hit mit den Bloody Beetroots. Dennoch. Hatten wir vorher mal ein paar Live-Sets von ihm angehört – und die waren unterirdisch. Komplett anders als das, was wir erhofft hatten. Doch der Mann der der Legende nach jeden Samstag einem Fan eine Torte ins Gesicht klatscht, enttäuschte uns nicht. Vom ersten Ton bis zum letzten: Ausnahmezustand.

Auch hier wurde ich bis ganz nach vorne gedrückt, bekam eine Champagner-Dusche ab und sprang natürlich herum wie besessen. Eigentlich wollte ich (weil ich ne schwere Lederjacke anhatte) nur noch kurz filmen, nahm aber das berühmte Schlauchboot dann auch noch mit:

Was soll ich noch sagen? Das ist Aokis Foto vom Southside
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Draußen wollte ich mir unbedingt noch NEW ORDER anhören, denn wo wäre jemand wie Aoki (und ich heute), ohne New Order. Leider kam mir das Ganze dann ziemlich schal und abgeflacht vor. Natürlich. Nachdem es Ultrabrutal wurde, ist drei Gänge langsamer (aber nicht schlechter) oft wenig berauschend.

Sonntag. Der letzte Tag. Wo war die Zeit mal wieder geblieben? Wir gingen am frühen Nachmittag runter zu JENNIFER ROSTOCK. Auch nicht so meins. Erinnerte mich etwas an dieses Marienhof-Lied. Und auf Bitch zu machen und Schnäpse auf der Bühne zu trinken. Na ja… Wenn das ein Mann machen würde, wäre es auch nicht spektakulär. Doch. Wenigstens hatte Mann ein paar Titten gesehen. Immerhin.
Auch THE DO im White Tent rockten uns nicht gerade, so kehrten wir erst zu CASPER wieder zurück zum Festival-Gelände
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Casper ist so ne Sache für mich. Ich mag die Musik nicht besonders, wollte ihn mir aber schon anhören. Seine Texte sind gut und die Musik sicherlich okay, aber insgesamt finde ich das Ganze schon sehr austauschbar. Ein wenig Onkelz-like Revolution als Geste, dazu unaufhörliches Arme-Hoch-Animationsprogramm, nun ja. Ganz nett uns auch spaßig. Doch nur weil etwas Spaß macht, muss es nicht gut sein – was in unserer Zeit der Spaß-Regentschaft gern verwechselt wird. Es war sicherlich okay, aber nun ja. Immerhin ist mein Handy bei der Aktion nicht kaputt gegangen. Das ist doch auch schon was 😉

Uns wurde dann eine Sturmwarnung souffliert, die dann zwar ausblieb, aber später ist man immer klüger als vorher. Wir entschieden dann nachts heimzufahren, doch da es dem Fahrer nicht gut ging, brachen wir dann schon sehr, sehr früh ab. Verpassten sogar SebastiAn, was mich sehr ärgerte, doch das ist nicht schlimm. Es kann ja auch mal genug sein.

Vorher aber hörten wir noch LABRASSBANDA, die sicherlich eine riesige Show abzogen und auch zu den perfekten Unterhaltern zählen. Ihre Mischung aus Publikumsarbeit und Blasmusik ist auf jeden Fall einen Besuch wert (ich würde auch noch mal hingehen, dann aber weiter vor), wobei das für mich nicht unter den Begriff Spaß-Qualität fällt, sondern Unterhaltung; es macht Spaß, aber auch nicht mehr. Nun ja. Jeder wie er – die Meisten aber nur… 😉

WOLFMOTHER drüben auf der anderen großen Stage sind bestimmt sehr klasse Musiker, doch mit der Stimme des Sängers kann ich nicht viel anfangen.

Hier aber lag unsere Camping-Gesellschaft noch und schon in den ersten Wehen und man machten noch ein paar gute und schlechte Scherze, freute sich seines Lebens und des Zusammenseins. Klar sind wir keine Best-Friends und habe unterschiedliche Geschmäcker, doch wenn alle (wirklich Alle 😉 Ich kenne mich ja) auch mal gut sein lassen, dann ist gerade dieser Unterschied das, was den meisten Spaß ausmacht. Ich will jetzt gar nicht wieder (wie ich es sonst an dieser Stelle mache) ins Pathetische abdriften, sondern einfach sagen, dass wir ne Menge Spaß an dem Wochenende hatte. Und lege das Southside jedem (mal wieder) ans Herzen.

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47 Gedanken zu “Southside 2012 Der Rückblick

  1. Pingback: Die neuesten Attentate auf die Freiheit | Strategien gegen Vernunft

  2. Echt? Wann gings los?
    Ne. In meiner Jugend war ich extrem uncool. Und jetzt verstecke ich unter meiner Coolness meine Schüchternheit. Es ist nicht immer cool, cool zu sein :.

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  3. Vorher nur mal probiert. Wie man das so macht, um mit 13 cool zu sein. 😉 Eigentlich habe ich gar nicht drüber nachgedacht. In Holland raucht man auch anderes Zeug…das trübt etwas die klare Sicht.

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  4. auch eher spät. Doch es passiert halt schneller als man denkt…. Hast du es auch unterschätzt, oder auf die leichte Schulter genommen?

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  5. 😉

    Ich wusste, dass ich was vergessen habe. 😉
    Wir sind durch die Fußballmenge gelaufen, ich dachte, das nimmt gar kein Ende mehr. Also, ich konnte eigentlich jedes Lied mitsingen und die Neuen kenne ich kaum, deswegen waren es schon viel alte Lieder.

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  6. Ich kann ja mal ein paar peinliche Fotos für Freunde hier hochladen.

    Naja. Ich springe ja auch rum als wäre ich in deinem Alter, junges Fräulein.
    Ich hätte sie schon gerne gehört, aber mit Fußball und Bonaparte; war ganz schön blöd getimt. Hm. Ältere Lieder hätten mir schon auch gefallen. Aber das Meiste neu. Näh…

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  7. Ohne. Ich dich auch. 😉

    Ich kann zehn Stunden stehen, dann wird es kritisch. Leichter Muskelkater, aber sonst ging’s.
    Waren sie. Viele ältere Lieder, hätte ich nicht erwartet. Allerdings war das Animationsprogramm übertrieben und dann haben sie ihre „Botschaften“ ins Lächerliche gezogen. Von wegen „Rettet die Wale“ &Co., hätte nicht sein müssen. War auf dem Konzert, auf dem ich war, nicht so. Aber ich geh bestimmt noch mal auf ein Konzert. Irgendwie machen sie immer Stimmung.

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  8. Hach. Ich hätte dich schon gern mal gesehen. Nur so im Vorbeilaufen 😉 Mit oder ohne Cappy?

    Ich steh total auf the shins, leider aber auch auf meinen Beinen und die taten weh.
    Ärzte waren gut, oder wie soll ich das unrockbare deuten?

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  9. Ich war ganz in Schwarz mit Sonnenbrille. 😉 Der hat vorher schon gesoffen, hat er ja erzählt, dass über den Zeltplatz ist.

    The XX waren gud, fast entspannend, und der Sänger von The Shins hat einfach ne geile Stimme.

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  10. Das ist von mir. Vlt hast du mir das Handy aus der Hand geschlagen und ich habe dich nicht erkannt 😉 Der sah ja auch wirklich kaputt aus. Wie so ne Sofa-Ecke, in der ein Bier umgefallen ist.

    The xx und die Shins hätte ich auch gern gesehen.

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