Absolution 51 – Der Angriff

„Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul!!!“

Déjà-vu?

Die Explosion ist so ungeheuerlich stark, dass Paul wie ein sprichwörtliches Insekt durch die Luft geschleudert wird. Der entfesselte Explosionsdruck trifft ihn völlig unerwartet in seine rechte Körperhälfte und drückt ihm dabei sämtlichen Sauerstoff aus seinen Lungen. Er nimmt kaum wahr wie ihn eine undurchsichtige Wolke aus Erde umschließt, dafür umso heftiger, wie die kleinen Geschosse aus Erde auf ihn herabprasseln, als er wie ausgespuckt, knochenhart mit seinem linken Schlüsselbein auf den Boden aufgeschlagen ist. Reflexhaft verkrümmt versucht er wieder Luft zu bekommen, doch da ist nur der aufgedonnerte Staub, der sich durch das Einatmen nun auch noch in seine Lungen bohrt. Paul verschluckt sich und keucht.  Er windet sich vor Schmerzen und presst apathisch seine rechte Hand auf die verletzte Schulter. Selbst im  Körper von Banyardi war das eine heftige Nummer. Gar nicht auszudenken, was mit seinem untrainierten Drogenkörper passiert… Dann erfolgt die zweite Explosion. Der Einschlagspunkt ist noch ein wenig näher als bei der ersten Detonation, da Banyardis Körper jedoch inzwischen auf dem Boden liegt, wird er nicht noch einmal weggewirbelt. Da ist nur wieder sehr viel Staub, wenn auch weniger Lärm. Wahrscheinlich hat sein Trommelfell schon bei der ersten Explosion einiges abbekommen; die nächsten Einschläge von – was aus immer- ziehen an ihm und dem Dorf der Mi-Cock vorbei und sprengen dafür den Dschungel auseinander. Der Dschungel, dessen tierische Bewohner ansonsten zu jeder Tages- und Nachtzeit aus vollen Kehlen zu schreien scheinen, schweigt. Die Ersten, die zu kreischen beginnen, sind nicht die Tiere. Es sind die Menschen. Stöhnen und Wehklagen wimmert durch den Dschungel.

Paul drückt Banyardis angeschlagen Körper würgend auf alle Viere hoch und erbricht eine Melange aus Speichel, Dreck und Magensäften. Dann kommt die Erinnerung. Bevor das Volk der Ma-Fag mit seinen Gefangen, den Mi-Cock, bombardiert wurde, stand Banyardi mit Ylva und seiner Mutter zusammen, und… Mutter? Wie vom Blitz getroffen, alle Schmerzen ignorierend, steht Paul auf.

„Mutter?“

Das Dorf der Ma-Fag sieht aus als würden hier gerade Szenen für den Film „Apocalype now“ gedreht werden. Überall ist Rauch. Zerstörte, brennende Hütten. Zerfetzte Menschenleiber. Aufgewühlter Boden. Es sieht noch unechter aus, als es sich anfühlt. So viele zerrissene Menschenleiber; Paul hätte gar nicht gedacht, dass es SO VIELE Ma-Fag gibt…

„MUTTER!“

Paul reibt sich die Augen. Sein/Banyardis Körper ist über und über mit Staub bedeckt.

„Wo bist du?!“

Und wer hatte ihn vorhin eigentlich Paul genannt? Er war vorhin nicht Paul gewesen… Später schon… Alles ist so verwirrend… Und was ist mit Ylva? Unterbewusst nimmt Paul das Knacken war. Er dreht sich nach links zurück. Dann sieht er wie die Bäume fallen. Der Wald bricht mittig geteilt auseinander und eine unfassbar große Schneise entsteht. Wie in einem verdammten Zeichentrickfilm.  Kurz und lächerlich muss Paul bei dem Anblick an ein Bild in einer Bibel denken, welches er einmal als kleines Kind gesehen hat, in welchem Gott das Meer teile, um die Israeliten zu retten. Nur. Dass dieser Anblick nichts mit „Retten“ zu tun hat. Denn jetzt taucht der Drache auf. Ein verdammter Drache LÄUFT durch den Dschungel, als würde er durch dünnes Schilf gehen.

Und Paul sagt nur: „Okay…“

„PAUL!“ schreit Ylva zu ihm hinüber, worauf er den Kopf wendet. Ylva rennt auf ihn zu. Eine der Explosionen hat ihr die Kleidung von ihrem ebenfalls mit Staub und Schlamm überzogenen Körper gerissen. Ihre Titten hüpfen und springen dabei lächerlich rotierend vor ihr herum. Wie in dem unerotischsten Softporno aller Zeit. Bei ihm angekommen bleibt sie nicht stehen, sondern packt Paul an seiner rechten Hand und zieht ihn mit sich: „Wir müssen hier weg! Sofort!“ Sie rennen einfach los. Sie springen über den zerborstenen Bambus des Ziegengeheges. Über die toten, verbrannten oder noch gerade so stöhnende Ziegen. Über den einen oder anderen Leib eines Menschen. Brennendes Gras. Den kleinen Weg entlang. In die Mitte des Dorfes.

Ylva und Paul sind die Einzigen, die in das Dorf fliehen, während sich alle anderen Überlebenden vor dem Drachen in den Dschungel retten. Es gibt keine Gegenwehr. Keine tapferen Krieger, die glauben es mit dem Monster auf sich nehmen zu können. Währenddessen schießt der Drache wieder und wieder seine Feuerbälle auf das Dorf ab. Aus den Augenwinkeln erkennt Paul wie auch Mi-Cock unter den Flüchtigen sind. Irgendwer muss sie aus ihrem Gefängnis gerettet haben. Gut.

„Warum zum Teufel laufen wir IN das DORF?!“ brüllt Paul Ylva an. Schon längst hat sie seine Hand losgelassen, damit sie schneller laufen können.

„Weil wir die….“ Und etwas Unverständliches.

„Weil was?“

„Weil wir die Kugel…“

„WAAAS?!!!“

„Weil wir die Kugel brauchen! Ohne sie war alles umsonst!“
Ein weiterer Feuerball schlägt hinter ihnen ein und schleudert sie auf den Boden. Ylva und Paul knallen der Länge nach auf ihre Bäuche und bleiben stöhnend liegend. Irgendwer schreit ein „Vorwärts!“ aus der Richtung des Drachen. Weder Paul noch Ylva reagieren darauf. Wieder ist Paul auf allen Vieren. Er schüttelt den Kopf hin und her. Wie ein Tier. Um wieder zu Sinnen zu kommen. Dabei erspäht er die verängstigten Kinder der Familie Mischaa unter deren Hütte kauern. Panisch flehen ihre Augen zu Paul hinüber. Große, schwarze, ängstliche Augen. Dicke, ehrliche Kinder-Tränen.

„Haut ab! Versteckt euch im Dschungel! Raus aus dem Dorf!“ Die Älteste der Mischaa-Kinder ist die erste die aus ihrer Schockstarre erwacht und auf Pauls winkende Handzeichen ihre jüngeren Geschwister in den Dschungel scheucht.

„Die KUGEL!“ brüllt Ylva von der anderen Seite. Sie steht schon wieder auf.

„Wo verdammt?!“

„Sie ist vergraben! Unter dem Dorfplatz!“ Sie muss den Platz meinen, an dem die Gemeinschaftstreffen der Dorfgemeinde abgehalten werden. Fast hätte Paul noch ein „Warum?!“ zu ihr hinübergeworfen, nur ist ihm klar, dass das jetzt auch schon keine Rolle mehr spielt.

Paul springt auf die Beine, brüllt: „Los! Los! Los!“ Und sie rennen die letzten 100 Meter bis zum zentralen Platz im Dorf. Ein Blick über die Schultern zeigt ihm, dass der Drache mit irgendetwas beschäftigt zu sein scheint. Wertvolle Sekunden machen sich breit. Ylva und Paul kommen am Festplatz und plötzlich erscheint Paul der eigentlich kleine Zeremonienplatz als eine riesige Ebene.

Noch einmal die Frage: „Wo verdammt?“

Ylvas und Pauls Augen treffen sich. „In der Mitte! Da wo das Feuer gemacht wird!“

„Na super….“
Paul rennt auf die kalten, verkohlten Holzstücke zu. Genau in deren Mitte und wirft so schnell er kann die schwarz verrußten Überbleibsel zur Seite. Das war der leichte Teil. Der schwierige ist es, den Boden zu öffnen. „Ein Königreich für eine Schaufel“, flucht Paul in sich hinein. Hinter seinem Rücken donnern schon wieder Explosionen durch den Boden. Zwar ein gutes Stück weit hinter ihnen. Aber doch. Ylva und Paul buddeln den trockenen Teil der Erde weg. Dann wird es lehmig und richtig schwierig. Ihre Finger bohren sich in den Erdboden. Fingernägel splittern und brechen. Paul schnappt sich ein Stück Holz und schlägt auf den Boden ein.

„Wie tief müssen wir?“
Ylva schüttelt nur ahnungslos den Kopf. Sie weint dabei. Paul gräbt verbissen weiter. Trotz seiner verletzten Schulter. Aus den Augenwinkeln bemerkt er einen Schatten heranhuschen, doch er reagiert nicht darauf. Als Ylva von starken Armen umschlossen wird, sieht Paul dann doch auf. Der Schweiß rinnt ihm in Sturzbächen über sein Gesicht. Er schüttelt sich um ihn nicht in seine Augen zu bekommen. Es ist Murdock, der Ylva in den Arm genommen hat. Ylvas Vater. Eine Nanosekunde lang wundert sich Paul darüber, wie ähnlich Murdock dem alten Gott des Krieges ähnelt, bis auf die langen Haare.

„Was macht ihr hier? Ich habe euch gesucht! Die anderen sind alle…“ Bellt er seine Tochter an.

„Kugel…“ bringt sie nur hervor. Murdock lässt seine Tochter los und packt Paul an seiner heilen Schulter an: „Warum setzt du deine Kräfte nicht ein! Los Junge!“

Pauls Kopf wankt überrascht ein Stück von dem Übermenschengroßen fort: „Kräfte?!“

„Deine KRÄFTE!“

Die Männer sehen sich an. Im Hintergrund schießen immer wieder und wieder Feuergeschosse in die Lunge dieses Planeten. Die Erde bebt.

„Er… Er hat sie noch nicht… Entdeckt!“ Dieses Mal ist es Ylva die ihren Vater am Unterarm packt. Murdock blinzelt. Danach nickt er. „Dann muss es wohl so sein.“ Er greift hinter seinen Rücken und holt einen kleinen Dolch hervor, welchen er Paul reicht: „Grab damit.“ Verdutzt nimmt Paul den schweren, metallenen Dolch in seine rechte Hand. In der Welt der Ma-Fag gibt es kein bearbeitetes Metall in dieser Qualität. Paul lacht kurz auf. Schüttelt seinen Kopf und meint: „Ich will gar nicht wissen wo du den die ganze Zeit versteckt gehabt hast.“ Er beginnt zu graben. Mit dem Dolch ist es einfach die Erde aufzureißen. Schnell entsteht ein breites Loch, dass von Murdocks Schaufelgroßen Händen in Windeseile vergrößert wird. Hoffnung kommt in Paul auf; vielleicht können sie es wirklich schaffen. Und. Ist es absurd zu glauben, dass wenn man in seinen Träumen stirbt, man auch wirklich stirbt?

Murdock hebt wirbelt herum. „Sie sind da?“ Ylva schreit vor Schreck auf, so dass auch Paul nicht anders kann al sich umzusehen. „Verdammte Reptilienmenschen“, knurrt Murdock. Er steht auf. Und seine ganze Körperspannung zeigt an: Er ist zu allem bereit. Murdocks nordischer Körper glänzt wie ein einziges großes Muskel in der südländischen Sonne. Seine kalte Entschlossenheit in den Augen gibt Paul das Gefühl, als wäre dieser Krieger, nur für diesen Moment geboren worden. Paul hat viele Filme gesehen. Viele verrückte Kameraperspektiven. Viele Maskeraden, die kleine Männer groß, und Trottel cool erschienen ließen. Nur so eine Aura wie die, die von diesem Mann ausgeht, hat er noch nie erlebt. Das Einzige was Paul nicht versteht, weshalb der tapfere Mi-Cock-Anführer von „Reptilienmenschen“ spricht. Die Männer haben doch eindeutig Vogelköpfe. Wie muskulöse ägyptische Götter sehen die Truppe von etwa 20 Feinden an. „Horus“-Monster, wohin er sieht.

„Grab.“ Knurrt Murdock zu Paul hinunter. Und obwohl Paul sofort wild und schnell damit fortfährt die zentrale Feuerstelle der Ma-Fag umzugraben, denkt er in seinem Innersten, dass das „Grab“ von dem Murdock gerade sprach, ihr aller sein würde. Paul sieht nicht, wie Murdock sich in Bewegung setzt.

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Absolution 50 – Sex wie Liebe

Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul?“

Kathas Kopf lag ruhig auf Pauls nackter Brust. Ihr lockiges, braunes Haar wogte sachte im Takt seines Atems.  Das Fenster stand offen. Der Rollladen war von Paul soweit herabgelassen worden, dass er genau nicht die Unterseite des Fensters verdunkelte. Von außerhalb des Gebäudes brandete das gedämpfte Gelächter aller Wahrscheinlichkeit nach, spielender Kinder an. Ihre Sorglosigkeit klang naiv und frei, gleich Wellen, die nach einer langen Reise durch die Ozeane dieser Welt letzten Endes spielerisch an Land schwappten.

Paul streichelte verträumt mechanisch mit seiner linken Hand sanft über Kathas entblößten Rücken. Ihre Haut war perfekt und straff. Hier und da ein Leberfleck oder ein anderes Alleinstellungsmerkmal, die jeden Menschen zu einer perfekten, einzigartigen Schneeflocke formen.

„Woran soll ich denn denken?“

Sie lagen in seiner Wohnung. In seinem Bett. Eng aneinandergeschmiegt. Nackt. So nah, wie sie sich zwei Menschen nur sein können. Ihre Blicke hingen sorglos verloren am weiß gestrichenen Mauerwerk von Pauls Wohnung. Mal schlossen sie die Augen. Mal sahen sie sich an, ohne sich in ihre Gesichter blicken zu müssen.

„Ich merke doch, wenn du…“

„Wenn ich was?“
„Wenn du abwesend bist.“

Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Selbst die Kinder, irgendwo im Hof vor dem Haus holten kurz Luft. Dann:

„Tatsächlich habe ich mich schon seit langer Zeit nicht mehr so sehr in einem Moment gefühlt, wie jetzt.“

„Ja aber… Manchmal… Da bist du wie… Wie weg…“

Paul seufzte Tonlos. Sein rhythmisches Stricheln wurde unterbrochen. Gern hätte er nun in Kathas Augen geblickt. Fast hätte er sie zart an ihrem Kinn berührt, ihr Gesicht zu dem seinen gezogen, sie geküsst und ihr versprochen, dass alles gut sei. Doch er beließ es dabei. Denn zu schön war dieser Moment. Hier im Bett. So aneinander geschlungen. Denn solche Momente. Solche Nähe. Solch ein Glück. Können dir die Drogen nicht geben. Keine Phantasie. Kein Kick. Keine Abfahrt. Diese Momente. Ehrliche Augenblicke. Erschienen Paul als außerordentlich selten in einem Menschenleben. Dies hier waren die Momente, bevor die Liebe zueinander ausgesprochen wurde. Bevor alles unwiderruflich den Bach hinuntergingen. Dies hier. War Liebe. Auch wenn weder Paul noch Katha sich darüber im Klaren waren, ob sie den anderen wirklich…

„Es passiert viel… Durcheinander…“

„Was denn?“

„Ach… Lass doch mal gut sein.“

Eine Pause entstand. Noch kein Moment der Distanz. Ein Luftholen, in welchem Paul kurz in sich hineinfühlen musste, wie weit er bereit war für Katha die Türe zu seinem Selbst zu öffnen.

„Weißt du“, fuhr er dann schließlich fort, als seine Finger wieder über ihre Haut tanzten. „Da ist diese Geschichte mit dem Fettsack und Chris. Da wurde was an die Scheiben des Bosporus geschmiert.“ Paul erzählte die Story von Chris und Fettsack, denn die Geschichte von Ylva konnte er unter keinen Umständen erzählen. Auch. Wenn sie sich langsam ebenso echt anfühlte, wie die Probleme seines Freundes Fettsack. Paul wusste durch die Jahre seiner Drogensucht, dass die beste Lüge nicht die war, die Wahrheit verfälscht darzustellen. Dabei verstrickt man sich mit der Zeit nur immer wieder und weiter in Widersprüche. Nein. Katha war schließlich nicht Pauls erste Freundin. Die beste Lüge besteht darin, wenn man der Frage ausweicht und einfach über einen ganz anderen Sachverhalt spricht.  Ein klassisches Ablenkungsmanöver.

„Ich hab keine Ahnung ob er wirklich was mit Sarah hat.“ Katha drehte sich etwas herum und sah Paul von seinem Brustkorb aus an. „Sie hat mir nichts davon erzählt. Wieso auch? Sarah war schon immer ein wenig…“ Katha lächelte. In Pauls Augen deswegen, da sie zu nett dafür war über Sarahs Lebenswandeln zu urteilen. Oh wie gütig und brav Katha doch war. Und dass zu einer Frau wie Sarah, die Katha in ihrer Abwesenheit oft nur herablassend in Bezug auf ihren Job als „die Fleischfachverkäuferin“ betitelte. Brave, schöne, perfekte Katha. Pauls Erektion kehrte schlagartig zurück. Wie konnte er nicht verrückt nach ihr sein?

„Auf jeden Fall kann Chris das mit dem Bosporus nicht gewesen sein.“
„Und? Warum nicht?“
„Weil er mit Koji und mir unterwegs war.“

Paul sah sie abschätzend an. Worauf Katha gespielt genervt die Augen verdrehte. „Der Kumpel von Miguel. Du weißt doch.“

„Der uns damals die Mitsubishi-Teile vertickt hat.“

„Na ja… SO kann man sich die Leute auch merken… Aber ja.“

Katha strahlte ihn an. „Also kann der Chris das nicht mit der Fensterscheibe gewesen sein.“

„Da bin ich jetzt aber baff. Hefig. Irgendwie… Ich war mir so verdammt… Und was haben du, Chris und Koji in der Nacht gemacht?“

„Na was schon?“ lachte sie ihn überzogen albern an. „Ich hab mit Beiden gefickt!“ Worauf sie ihn auf den Mund schmatzte und sich lachend von ihm abwand und unter der Bettdecke versteckte „Blöde Kuh“, schmollte Paul eine Sekunde lang, bevor er damit begann seine vor Freude kreischende Freundin aus der Decke zu wühlen und sie von hinten durch zu kitzeln. Der Rest war atemloses Gelächter, der ziemlich schnell in atemlosen Sex überging.

Erschöpft lagen sie danach wieder zusammen. In Löffelchen-Stellung. Während draußen vor dem Haus die Kinder nicht müde wurden zu Lachen. Das mit Chris waren gute Nachrichten, dachte Paul für sich. Vielleicht sollte er sich mehr mit Katha unterhalten.  Und am Ende würde alles gut werden. Und hauptsächlich sollte er sich weniger Gedanken über die Probleme anderer machen. Im Moment waren die wichtigen Dinge im Leben gefragt. Und zwar. Wo und was er und seine Freundin gleich zu Abendessen sollten. Vor solche Dinge sollte das Leben gemacht sein.

Ohne Titel.

Es ist viel passiert die letzten Monate. Kaum Gutes. Irgendwann einmal werde ich das in Text verarbeiten können. Jetzt versuche ich mal einfach wieder in das Schreiben hineinzukommen. Was selbstverständlich bedeutet, ins DENKEN wieder hineinzufinden. Den Kopf freibekommen. Weg von dem Verlust unseres Traumes, in nächster Zeit ein gesundes Kind zu bekommen. Es ist wirklich viel passiert die letzten Monate.

Absolution 49,5 – Alles wieder auf Anfang?

„Also alles wieder auf Anfang…“

„Kommst du noch mit zu mir?“
„Ins Bosporus? Klar… Warum?“

„Das Übliche.“

„Das Übliche“ bestand wie zu erwarten aus dem Einatmen von Kokain. Obwohl er relativ oft mit dem Fettsack kokste, kamen sich die Beiden in der dadurch erweckten Geistesfassung selten näher. Selten war Paul so gefühlskalt wie auf Kokain. Und immer. Immer wurde der Fettsack auf dem Zeug geil. Seine Finger tappten dann geheimnisvollen Mustern folgend über sein Smartphone. Schrieb er seiner Frau? Wo war die überhaupt? Hatte die irgendwer noch einmal gesehen? Gab es die noch? Oder schrieb er vielleicht Sarah? Oder sonst wem? Und warum musste der Fettsack die Frau vom Baader so krass anpacken? So richtig tief sein. So richtig tief… Was lief hier eigentlich im Genauen? Jedoch. Es interessierte Paul in dem Ausmaß, in dem es ihm egal war. Sein Mund öffnete sich ein paar Mal in dem Versuch seine Fragen zu formulieren – er ließ es dann doch lieber wieder sein.  Das Kokain verschluckte seine Gedanken. Auch schon egal. Er konzentrierte sich lieber darauf Katha eine Whatsapp mit vielen küssenden Smileys zu schicken. Und auf die nächste Line.

Vitali und Vladimir. Die beiden Klitschko-Stuntdoubles. Waren gar nicht erst mit Hinaufgekommen. Dafür war Bobby noch aufgetaucht. Und es wurde geredet. Über die Aktion von geradeeben. Und sonst eh irgendwie alles. Eine Szene wie auf Valium.

Bobby beglückwünschte Paul zu seiner Beziehung zu Katha. Was Paul peinlich war. Während der Fettsack Paul schon wieder davor warnte, dass Frauen einen nur kontrollieren wollen. Frauen seien nur da, um hart gefickt zu werden. Das ist nun mal so. Und Paul dachte an Sarah. Und er dachte an Chris. Und an eine Fensterscheibe, die eingeschlagen wurde.

„Am besten in den Arsch. Damit sie wissen wo der Hammer hängt.“ Dabei drehte sich der vom Koks wie ein Irrer schwitzende Fettsack einen Long-Paper-Joint. Paul und Bobby sahen sich zweifelnd an. Und ohne dass sie es aussprechen mussten, wunderten sie sich darüber, was aus ihrem Freund Fettsack geworden ist. Aus diesem Typen. Der immer so gerne gelacht hat.

Dann begann Bobby coole Scheiße zu erzählen.

Und Katha.

Schickte Paul ein GIF zu. In dem zwei Katzen miteinander kuscheln.

Absolution 49 – Ansage an die Konkurrenz

Der Fettsack bahnte sich wie ein geisteskranker Pac-Man seinen Weg in das Haus: Immer den Gang entlang. Scheinbar hatte er keine Ahnung wohin er musste, das „body count“-Kommando hinterher. Die Frau – vermutlich die Hausherrin – wurde auch von Paul sofort hinter sich gelassen, dabei schenkte nur er ihr ein entschuldigendes, leicht peinlich berührtes Lächeln. Vielleicht war dieses Lächeln sogar der Grund, warum die Frau noch einen weiteren Moment zögerte, bevor sie wie irre zu Schreien begann. Ein, zwei falsche Abbiegungen und dunkle, ideenlos normal eingerichtete Räume später, fand der Fettsack die Person die er suchte, der Hauptgrund und Mittelpunkt ihrer abendlichen Aktion: Den Baader. Und obwohl Paul den Herren Baader noch niemals jemals irgendwo bewusst gesehen hatte, weder auf der Straße noch in der Zeitung, klingelte es jetzt in seinem Kopf, um welchen Kerl es sich hier in Fettsacks Kopf drehte. Der Typ war der Besitzer der „Metzgerei Baader“, einem kleinen Konkurrenten des Fettsacks-Imperiums. An normalen Tagen wäre der kleine Leberkäspanscher für Fettsack nicht einmal der Rede wert gewesen, außer es ginge um miese Qualität und verfettete Produkte, schlechte Haltung; was man nun einmal so über die Konkurrenz so behauptet. Paul fand die Wurst vom Baader aber auch nicht so geil. Tatsächlich viel zu fettig. Jedoch war Paul auch klar, dass es hier nicht mehr nur um die Wurst ging. Jetzt ging es um Alles.

Der Baader machte das, was die meisten Deutschen ohne bewusste Probleme an einem Mittwochabend taten. Er saß in seinem Wohnzimmer vor der Glotze und aß. Ein halbes Hähnchen mit Kartoffelsalat. Der ganze Raum roch danach. Schön würzig. Vielleicht war der Baader doch nicht so ein schlechter Metzger wie der Fettsack immer behauptete. Auf das anstürmende „body count“-Kommando reagierte er ebenfalls so, wie man es von den meisten Deutschen erwarten konnte. Er sank erschrocken in sein eigenes Sofa und war baff vor Schreck. Fettsack: „Jetzt pass mal auf du mieser kleiner Wichser! Was schreibst du an meine Wand?! Was schreibst du an meine Waaaand!!! Was du an meine Wand schreibst?!“ Der Fettsack war mit seinem Kommando zwischen Tisch und Fernseher stehen geblieben, zeigte mit seinem nackten Finger auf dem Mann und schrie. Die Türsteher-Menschen neben sich. Irgendwo daneben stand Paul. Ganz daneben, noch in der Türe die Frau, bei der es sich wohl um Frau Baader handelte. Im Fernseher RTL. Über dem Sofa ein Bild von „Hundertwasser“. Der alte Baader, Mitte 50, dick, dreiviertel Glatze, Brillenträger, war bisher sicherlich jeden Tag der Herr über sein eigenes Leben gewesen – bis zu diesem Zeitpunkt. Fürchterlich erschrocken und traumatisiert brachte er nur ein wiederholtes: Ich… Ich… Ich… Ich…“ hervor, dass den Fettsack nicht sehr beeindruckte. Der stemmte nur seinen rechten Fuß mit der ganzen Sohle auf den Fernsehtisch, ohne dabei (Zufall) den Hähnchenteller zu berühren, lehnte sich nach vorne, drohte weiter mit seinem Zeigefinger und machte die Ansage: „Wenn ich NOCHMAL! IRGENDWAS! An meiner Wand lese! Mit dem du versuchst mein GESCHÄFT zu ruinieren! Dann mach ich dich ALLE! Ich schick meine Russen vorbei! Und dann nehmen sie deine Bude auseinander!“

Hier. Legte der Fettsack eine kleine theatralische Pause ein. Wahrscheinlich nur so, damit der Baader die Info verarbeiten konnte. Jedoch. Sagte einer der Russen mit starken Akzent in die Stille:

„Wir sind keine Russen…“
Der Fettsack: „WAS?!“

„Wir sind keine Russen. Wir sind Ukrainer.“
Der Fettsack drehte sich entnervt um und sah den Typen an. Mit fragenden Händen raunte er zu dem Kerl: „Das spielt doch über KEINE ROLLE!“

Der Sprecher des „body count“-Kommandos entgegnete darauf nur: „Für uns schon!“

Der Fettsack wirbelte wieder zu Baader herum und fragte ihn amüsiert: „Interessiert dich ob die Russen sind oder nicht?“ Der brachte nur ein „Äh“ hervor. „Oder sie Frau Baader?“ an Frau Baader gewandt. Die schüttelte nur eingeschüchtert mit dem Kopf, da sie nun auch noch Teil der Szene wurde. Wieder an den Kerl gewandt: „Es ist jetzt gerade nicht so wichtig…“ Etwas beruhigt und scheinbar sogar von der Szene belustigt wandte er sich wieder dem sprachlosen Baader zu. Wollte etwas sagen, dann kam ihm ein Gedanke, worauf er sich Paul zuwandte: „Die Klitschkos sind doch Ukrainer, oder?“

Paul: „Ähm. Tja. Tatsächlich stimmt das…“

Der Fettsack wirbelte wieder herum.

„WENN DU NOCH EINMAL IRGENDEINEN SCHEISSDRECK AN MEINE WAND SCHREIBST! DANN SCHICKE ICH DIR MEINE KLITSCHKOS AUF DEN HALS, VERSTANDEN!“ brüllte darauf der Fettsack wieder auf den Baader ein. Der Baader wurde darauf noch bleicher, seine Frau klammerte sich ängstlich an den Türrahmen ihrer Wohnzimmertüre und die Ukrainer lächelten ein wenig ob ihrer Bezeichnung als Klitschkos; das klang schon viel besser.

Baader: Nickte.

Und der Fettsack. Zuckte mit den Schultern. Drehte sich um und sagte ruhig und ausgelassen: „Okay. Wir sind hier fertig.“  Das „body count“-Kommando machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Nur Paul konnte es sich nicht verkneifen noch zu bemerken: „Und ganz ehrlich: Hundertwasser ist scheiße.“ Der Fettsack tätschelte noch im Hinausgehen den Knackarsch der Frau vom Baader. Packte richtig tief rein.

Als die Autotüren wieder ins Schloss dumpften meinte der Fettsack ganz ausgeglichen und sichtlich selbstzufrieden: „Das lief ja ganz ordentlich.“

Paul verzog daraufhin den Mund zu einer abschätzigen Grimasse in Richtung seines Freundes und sprach: „Aber das mit dem Fenster. Das war der nicht…“

„Jupp“, stimmte der Fettsack zu. „Glaube ich auch nicht.“

Absolution 48 – Die besten Ideen kommen einem auf Drogen

Warum hatte er nur zugesagt? Hatte Paul denn nicht schon genug eigene Probleme? Mal von seiner Zusage abgesehen kurz mal eine ganze Fantasy-Welt retten zu müssen, wäre er jetzt lieber bei Katha und würde mit ihr Kuscheln. Oder ihr nach einem spaßigen Fick ins Gesicht spritzen. Normale-Leute-Zeug also. Das galt nur nicht für Leute wie ihn. Denn jetzt saß er hier in dieser beschissenen Bonzenkarre, diesem gigantischen roten Audi. Dem RS6. Dieser fahrende, grelle Lippenstift, welchen im Normalfall nicht der Fettsack selbst lenkte, sondern dessen Frau. Im Moment jedoch besaß der Fettsack einen Führerschein; wobei die Gründe weshalb er ihn wieder eingeklagt hatte (tatsächlich hatte der Fettsack den Führerschein wegen einer Hausdurchsuchung abgeben müssen, bei der er mit einer Geldstrafe und Führerscheinentzug davongekommen war) erstens aus DEM PRINZIP bestand, denn, der Fettsack war dieses Mal nicht mit Drogen am Steuer erwischt worden und hatte deswegen den Staat Bayern ob der Unfairness verklagt, trotzdem den Führerschein abgeben zu müssen, zweitens (und wichtiger) dem Umstand, dass er als Führerscheinbesitzer nicht den ganzen Tag twentyfourseven drauf sein konnte, denn irgendwann würde er ja doch mal wieder Autofahren müssen, als ausnüchternde Maßnahme quasi und schließlich drittens konnte man den Lappen hin und wieder wirklich gut gebrauchen um selbst von A nach B zu kommen, so wie in diesem Fall.

Auf die Frage ob der Fettsack nicht schon bei Chris vorbeigesehen hätte, war die Antwort wie zu erwarten „Als erstens natürlich“ gewesen. „Den hab ich an die Wand geklatscht, dass seine Füße bloß noch so zum Boden gebommelt sind und hab ihn mal ner richtig heftigen Umfrage unterzogen“, fuhr er weiter fort.“
Paul: „Und?“

„Wie und? Nix und! Konnte ihm ja schlecht nen Finger abschneiden. Der hat aber auch so schnell zu Flennen angefangen. Ist wirklich schwer zu sagen ob er es war. Bin mir sicher, dass der wegen mir und Sarah nen Film schiebt. Aber… Ob das für so ne Aktion mit der dem Graffiti reicht? Ich meine. Der weiß doch wer ich bin. Und er ein Niemand. Aber selbst dem muss klar sein was für ne Kettenreaktion das nach sich zieht. (Pause) Dass es Chris war ist vielleicht auch einfach ZU offensichtlich.“

Der Lippenstift von Audi mit seinen vielen, vielen Pferdchen unter der Haube schnitt ruckartig durch die Gäßchen des Dorfes in welches der Fettsack sie gebracht hatte. Paul hasste es wenn Leute schnell fuhren und dann glaubten, sie seien GUTE Autofahrer. Wer schnell fährt, fährt in Pauls Sichtweise nicht gut. „Sportlich“ hatte in seiner Denkweise nichts auf einer öffentlichen Straße verloren. Die zwei anderen Typen im Audi mochten dabei einer anderen Meinung sein. Paul kannte die nicht. Sie sahen auf jeden Fall viel gefährlicher aus, als Paul es auf die Waage brachte. Mit Sicherheit waren sie beim Fettsack-Chris-Besuch auch am Start gewesen. Mit absoluter Sicherheit. Die Zwei saßen wie zwei Sack voller Türsteher auf der hinteren Sitzbank des Lippenstifts, nur dass Paul die Beiden noch nie an der Tür des Bosporus gesehen hatte. Keine Ahnung wo man solche Kerle herbekommt. Die Art jedoch wie der Fettsack seine Nase beim Autofahren und Schwitzen nach oben zog, gaben Paul eine Vorstellung. Paul sollte nur als höherer (O-Ton-Fettsack: ) „body count“ mitkommen, denn durch einen mehr wäre ihr Auftreten furchteinflößender. Drei sei eine gute Zahl von Leuten. Vier jedoch schon ein ganzes Team. So wie im Sport. Dass „body count“ eigentlich „Opferzahl“ bedeutete und nicht „Körperzahl“, ließ Paul einfach mal unerklärt. Die Ironie war zu groß für so eine krasse Situation.

Moment mal? Hatten die Typen auf dem Rücksitz etwa Waffen dabei?

„Du sagst einfach gar nichts und stehst nur cool da. Bistn großer Typ. Einfach grimmig schauen. Oder ne. Schau einfach neutral. Mach den Schweizer“, instruierte ihn noch der Fettsack, als sie vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus irgendwo in einem für Paul namenlosen Kaff hielten – und Paul war hier in der Gegend aufgewachsen. Als die Türen dumpf ins Autoschloss gefallen waren, fühlte sich Paul ein wenig wie in dieser amerikanischen Serie „Ozark“, bei der in jeder Folge immer und die ganze Zeit viel zu viel passiert und die Protagonisten nie auch nur einen Tag zur Ruhe bekommen können. Dabei war es jetzt auch schon wieder Mittwoch. Wenn Paul es schon nicht fertiggebracht hatte dem Fettsack abzusagen, hätte er ihn wenigstens danach fragen sollen, zu wem zum Teufel er ihn überhaupt brachte? War das so ne Art Drogenbaron hier? Oder nur ein Dealer oder…? Wen zur Hölle hatte sich der Fettsack ausgerechnet, dass er ihm „Junkie“ an seine Scheibe geschmiert haben könnte?

In den meisten Dailysoaps gäbe es keine Handlung mehr, würden sich die Leute nur einmal anständig über ihre Motive und Probleme aussprechen.

Auf dem Klingelschild stand „Baader“ und die Hausglocke machte ganz Sitcomstylisch: DingDong. Da standen sie nun. Der durchtrainierte Fettsack mit seinen Schlägern. Und seinem Kindergartenfreund Paul. Es fühlte sich an wie die eine Szene aus einem Gangsterfilm, die nachträglich herausgeschnitten werden würde. Als das Licht im Gang zur Haustüre angeknipst wurde, dachte sich Paul noch kurz: „Baader? Momentchen Mal, ist das etwa?“ Und schon wurde die Türklinke von innen betätigt und eine vollkommen normal aussehende Frau in ihren Vierzigern stand in der Türe. Sie war dürr, hatte blond gefärbte Haar, war nicht unmodisch gekleidet – und sah überhaupt nicht aus nach Puffmama oder Drogenmutti. Nein. Sie sah aus wie der personifizierte Mittelstand. Zu Pauls steigender Überraschung hatte der Fettsack genau damit gerechnet, denn noch bevor ein „Ja bitte?“ aus dem überraschten O-Mund der Frau entweichen konnte, machte Pauls Freund die Ansage: „Und jetzt geht´s los!“ Stieß dabei die Frau zur Seite und das „body count“ Kommando stürmte voll rein.

Fettsack: „BAAAAAAADER! Wo steckst du Mistkerl?!“

Absolution 47 – Die Wahrheit über die Mi-Cock

„Wir konnten sie nicht in der Schlacht besiegen. Unsere tapfersten und mutigsten Krieger mussten ihr Leben lassen, doch sie konnten sie nur aufhalten. Uns Zeit verschaffen. Ein Sieg war unmöglich. Ein solcher Feind war uns noch nie begegnet. Andere skrupellose Königreiche, die unser Land wollten, jawohl. Doch solche Bestien? Ich weiß was du fragen willst, Paul. Wie sehen diese Bestien aus? Doch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Und ich weiß, wie verrückt das klingt. Sie müssen doch Gesichter haben. Arme, Beine, eine Körpergröße, vielleicht einen Schwanz! Doch niemand kann es mit Genauigkeit sagen. Nur, dass sie für jeden der sie sieht, ein anderes Aussehen besitzen… Vielleicht macht genau das ihren Schrecken aus? Manche sehen riesige Spinnen, Insekten oder anderes Getier. Andere berichteten von Reptilien, die gebaut waren wie Menschen. Nur vollkommen nackt und… Glitschig. Wieder andere sahen ganz normale Menschen, nur mit pechschwarzer Haut und wulstigen Lippen. Krause Haare. Menschen wie du und ich… Nur… Schwarz…. Die einen erzählten von Feuerfontänen, welche sie spien. Andere sprachen nur von normalen Hieb- und Stichwaffen… Ich weiß nicht ob diese Berichte den eigenen Phantasien oder unzähligen Einzelerlebnissen entsprangen. Vielleicht war alles davon wahr. Vielleicht auch nichts… Ich kann nur sagen, dass wir keine Möglichkeit hatten, diesen Feind zu besiegen. Noch nie habe ich meinen Vater so hilflos gesehen. Er ist ein stolzer Mann, Paul. Jemand, der auf alles entweder eine Antwort weiß, oder zumindest jemanden findet, der sie ihm gibt. Solche Monster kannte nicht einmal er. Keiner von uns. Wir haben nicht einmal einen Namen für sie. Wir nennen sie Monster oder Dämonen. Es gibt keinen Ausdruck für sie, der ihnen gerecht werden würde. Was ist schon eine Bestie?“

„Hast du denn gar keinen von ihnen gesehen?“

„Ich… Ich will nicht darüber sprechen… Mit ein wenig Glück siehst du sie vielleicht nie. Mit ein wenig Glück haben wir dich ganz umsonst hierhergeholt.“

„Und ohne dieses Glück?“

„Ich muss dir nun wirklich von Thorfinn erzählen. Thorfinn war der Sohn von Klove. Sie Beide gehörten unserem Stand von Weisen an. Dabei musst du wissen. Unser Volk teilte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch in drei verschiedene Stände. Wir lebten in Einklang miteinander. Jeder diente dem anderen, doch keiner hätte ohne den anderen überleben können. Jeder hatte in seinem Stand eine genaue Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. In diese Aufgaben wurde man hineingeboren. Ehelichungen zwischen den Ständen waren verboten.“
„Wieso?“

„Weil es sich nicht gehört, wenn die Tochter eines Weisen einen Arbeiter heiratet.“

 „Wieso?“

„Ich… Verstehe deine Frage nicht? Es ist so.“

„Und wieso ist es jetzt nicht mehr so?“

„Da unser Volk in dieser Form nicht mehr existiert. Was hier angekommen ist, sind nur noch die Scherben unseres Volkes. Jetzt sind wir alle gleich. Bis wir wieder einen Ort zum Leben gefunden haben, in der sich die Stände neu errichten können. Vor der Flucht gab es für jedes Problem eine Lösung, in Form einer Person. Wie ich schon sagte. Jeder hatte eine Aufgabe. Ein Mi-Cock ohne Aufgabe gibt es nicht. Alles war genau aufgeteilt.“

„Es gab die Weisen, die Arbeiter. Und wer war der dritte Stand?“

„Die Feuerwächter. Sie lebten in den Bergen…“

„Ich hätte jetzt den Adel erwartet. Die Herrscher.“

„Das sind die Weisen. Wer sollte denn sonst befehlen, außer den Weisen? Worüber lachst du?“

 „Ach… Unsere Völker sind sich unterschiedlicher als du dir vielleicht vorstellen magst.“

„Wieso? Erzähl mir von deinem Volk! Ich will alles wissen! Bitte erzähl mir von dir!“

„Öhm… Ach… Erzähl mir zuerst von Thorfinn. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht genau sagen, wieviel Zeit mir bei euch bleibt. Ich weiß nicht wie ich es beeinflussen kann, hier zu sein oder gehen zu müssen. Ehrlich gesagt wollte ich bisher immer nur wieder weg… Ich verstehe ohnehin nicht wie das Alles funktioniert.“

„Es ist Magie.“

„Nun. Das ist eine etwas dürftige Erklärung. Denn selbst wenn es so etwas wie Magie gäbe, muss sie nach irgendwelchen Gesetzen funktionieren. Selbst Zauberei hat einen Ursprung, der mit irgendwelchen Umständen verbunden sein muss.“

„Magie ist wie die Sonne. Sie ist immer schon dagewesen.“

„Oh… Glaub mir… Die Sonne ist von meinem Volk gut erforscht worden.“

„Ihr wart auf der SONNE?“

„Ne. Ne, ne. Wir haben sie beobachtet. Den Mond haben wir besucht… Du musst wissen, dass mein… VOLK, ähm die Fähigkeit hat die Erde zu verlassen.“

„Den Mond! Magie!“

„Nein… Es ist… Eine besondere Form von Magie. Vereinfacht gesagt gibt es mehrere Orte wie die Welt in der wir leben. Du hast eine davon gesehen. Ich auf jeden Fall. Als ich deine Kugel berührt habe, sah ich eine weitere Welt, du natürlich auch.“

„Die große Kugel?“
„Genau. Die Sonne ist so etwas ähnliches.“
„Wir müssen sie finden.“

„Wen? Die Sonne?“

„Nein, die anderen Kugeln!“

„Ich… Verstehe nicht…“

„Wir müssen sechs Kugeln finden. Diese hier, ist nur eine davon.“

„Es gibt noch fünf… Wo sind sie?“

„Deswegen haben wir dich gerufen. Du musst mir helfen die Kugeln zu finden!“

„Wie soll ich denn?… Ich hab keine Ahnung wie ich diese Dinger finden könnte.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen als du hierhergekommen bist? Ist dir irgendein Ort besonders vertraut?“
„…“

„Irgendwas?!“

„Tja… Ganz ehrlich… Mir ist nichts aufgefallen.“

„Du wirst es sicher noch verstehen…“

„Was hat das mit dieser Thorfinn-Geschichte zu tun? Und was bringt es alle 6 von diesem Kugeln zu besitzen.“

„Wenn wir alle 6 Kugeln haben, können wir die Dämonen besiegen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich nicht. Das hat Klove uns nicht verraten.“

„Wo ist Klove? Ist er bei Thorfinn?“
„Sie sind Beide gestorben. Klove wurde gefressen.“

„Das ist übel. Und Thorfinn?“

„Ich… Ich weiß es nicht… Er ist in ein Licht gegangen.“

„Der Logik aller Filme nach lebt er also noch…“

„Film?“

„So nennen wir unsere Überlieferungen. Wir erzählen sie uns zu unserer Unterhaltung.“

„Thorfinn sollte das Medium sein, durch das wir die Pforte in deine Welt öffnen. Klove wusste wie groß die Bedrohung ist. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert… Ban… Paul. Nachdem was ich gesehen habe, glaube ich nicht an ein Überleben von Thorfinn…“

„War auch nur eine Vermutung…“

„Also? Hilfst du uns? Hilfst du dieser ganzen Welt zu überleben? Wenn du eine Belohnung benötigst ich… Ich habe natürlich bemerkt wie du mich ansiehst, und…“

„NEIN! Nein, nein… Ich weiß nicht… Du bist außerordentlich hübsch und… Ich… Ich… Weißt du… Jetzt… Jetzt wo das Ganze irgendwie real geworden ist… Also vorher, bevor ich die Kugel berührt habe… Da… Versteh mich nicht falsch. Du bist unglaublich geil… Aber jetzt… Nicht so… Nicht in der Realität…“

„Bin ich denn nicht nur eine weitere Frau für dich? Eine Wilde?“

„Ja… Und nein… Das warst du. Also du nicht echt für mich warst… Jetzt… Jetzt bist du für mich zu einem Menschen geworden… Ich weiß das klingt bescheuert…“
„Ist es wegen deiner Freundin? Wegen Techno?“

„Was?“

„Du meintest du liebst Techno.“

„Äh nein. Das ist. Das ist Musik. Doch da ist jemand. In meiner Welt… Egal… Weißt du. Irgendwie ist jetzt alles anders. Das alles hier“ Banyardis Arme machen eine ausholende Geste. „Ist plötzlich Wirklichkeit geworden… Du… Du hast mich überzeugt.“

„Also hilfst du mir?“

„Ja… Nur… Wie?“

„Das ist fantastisch! Wir müssen die Kugel finden, die hier im Dorf ist!“

„Hier im Dorf? Ich dachte wir begeben uns auf eine Reise oder so…“

„Das sind wir schon. Wir sind schon auf der Reise die Kugeln zu finden. Oder warum glaubst du ist ein Volk, dass so stark ist in der Gefangenschaft deiner Ureinwohner? Was denkst du warum wir hier sind?“

„Ihr… Ihr habt euch gefangen nehmen lassen?“ „War das denn nicht vom ersten Augenblick an offensichtlich?“