Absolution 40 -Die Perspektive der Schnecke

Noch ein paar Stunden später an jenem Tag, an dem er sich inzwischen noch ausgebombter und breiiger im Kopf fühlte als in der Arbeit, saß Paul auf dem Bett von Chris. Es war keine gute Idee den Besuch bei Chris so schnell wie möglich durchzuziehen, nur um ihn hinter sich zu haben. Geistig war er nicht im Mindesten auf der Höhe für so ein Gespräch. Auf vielen Ebenen wäre es klüger gewesen, noch ein paar Nächte durchzuschlafen. Sich zu sammeln. Klar zu kommen. Aber. Paul wollte diesen ganzen Unsinn weghaben. Paul. Hatte einfach genug eigene Probleme.

„Und da kommst du dann zu mir gerannt?!“ Chris tat entsetzt und overactete dramatisch. Die Hände flogen in die Luft, der Kopf gleichzeitig von links nach rechts. Theatralischer ging es kaum. Chris wirbelte in seinem Zimmer herum. Drehte sich mal hierhin, mal dorthin. Stellenweise verblüffte es, dass kein Gegenstand von einem Regal gestoßen wurde und klirrend wie splitternd am Boden zerbrach. Paul wusste dennoch nicht, ob das jetzt Show war oder er Chris die Performance nun abkaufen sollte, oder musste. War Chris nur sauer darüber, weil Paul ihn sofort erwischt hatte? Oder war Chris wirklich beleidigt, da Paul ihn in der Fettsack-Junkie-Geschichte überhaupt verdächtigte? Die Müdigkeit in Pauls Kopf war dichter und stärker als jeglicher Nebel oder alle trüben Schleier, die in den Geschichten der Gebrüder Grimm für undurchsichtige Verhältnisse führen.

„Was heißt denn zu dir gerannt? Ich meine. Das war am Wochenende. Und da kommen einem mit der Zeit halt solche Gedanken…“

„Denkt der an mich!“ seufzte Chris. Kopfschüttelnd. Übertrieben lächelnd, geistig wie körperlich eine Grimasse ziehend. Jedoch ohne – und das fiel selbst Paul in seinem dämmrigen Zustand auf – Paul in die Augen sehen zu können.

„Du hast dich doch erst nach Fettsack und Sarah erkundigt… Als du die Bea-Geschichte erzählt hast.“

„UND?“

„Wie und? Ich mache mir halt Sorgen…“

„Um wen? Um den Fettsack oder um mich?“

Paul war sprachlos. Nicht weil er wirklich baff war. Sein Gehirn verweigerte inzwischen schlichtweg den Dienst. Paul fühlte sich leer und dumm.

„Wen hast du denn lieber?“ grinste Chris und sah Paul in dessen hilflosen Augen. Direkt in seinen leeren Kopf.

„Darum geht es doch gar nicht…“

„Was hat er denn je für dich getan?“

„Öhm… Das ist jetzt ne ziemliche Frauenfrage. Fällt mir jetzt spontan nichts ein. Aber ich bin mir SICHER. Er hat viel für mich getan.“ Paul empfand sich selbst so hilflos und stumpf, wie er sich gerade präsentierte. Er konnte sich selbst beim Hilflossein beobachten, ohne auch nur im Geringsten etwas dagegen unternehmen zu können.

 

Die Sonne schien immer noch fröhlich zum Fenster herein. Vögel zwitscherten idyllisch auf dem Baum vor dem Fenster.

Chris wohnte noch immer bei seinen Eltern. Der Vater von Chris hatte Paul vorhin hereingelassen. Paul hatte den Vater von Chris noch nie leiden können, diesen ganzen Typ von Vater, den er für Paul repräsentierte, der sich als der beste Freund seines Sohnes aufspielte. Furchtbar.

Es gab Jahre. Da war Paul sehr oft bei Chris gewesen. Als sie Beide noch jung waren. Nüchtern. Voller Hoffnungen.  Jene Jahre des Menschseins, wenn man nicht mehr miteinander spielt und das gemeinsame Reden und Denken entdeckt, wie aneinander entwickelt. Paul hatte Chris immer gemocht. Deswegen sagte er nach der Gesprächsstille: „Darum geht es wirklich nicht… Darf ich mir denn keine Sorgen machen?“

„Mach dir lieber um den Junkie Sorgen… Oh…“

Paul: „Hm?“

Eine kleine Schnecke hatte sich auf das Fensterbrett verirrt und steuerte blind in die Tiefen von Chris Zimmer. Der griff sie sachte an ihrem runden Panzer an, hob sie hoch. Zwei Sekundenlang betrachtete er das hilflose Tier in seiner Hand, dass mit seinem schleimigen Körper versuchte, festen Untergrund zu finden. Diese zwei Sekunden erschienen Paul als der einzige Moment während des Besuches, in dem Chris sich normal verhielt, in dem Chris, der richtige Chris war. Sein Freund Chris. Nach diesen 2 Sekunden warf er die Schnecke nicht einfach achtlos aus dem Fenster in das Nichts des Gartens (wie Paul es getan hätte). Er setzte die Schnecke auf den heranreichenden Ast des Kastanienbaums vor seinem Fenster.  „Schon komisch“, sinnierte Chris vor sich hin (oder zu Paul? Es war nicht klar in diesem Moment), „Wir Menschen bewegen uns immer so hastig und strukturiert durch die Welt. Glauben ständig einen Plan zu haben. Und dann kommt so eine Schnecke daher und zeigt uns, dass es auch ganz andere Möglichkeit und Perspektiven gibt. Dass eine Wand keine Grenze ist, sondern tatsächlich ein neuer Weg. Wir Idioten sehen das bloß nicht.“

Das klang schön für Paul. Seine Aufmerksamkeit reichte nicht aus für Zwischentöne.  Er wollte nur noch nachhause. Schlafen.

„Ich weiß nicht wer das Bosporus besprüht hat. Tut mir leid.“

Paul nickte zu den Worten seines Freundes. Was hätte er auch sonst machen sollen?

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Worakls in der Kantine Augsburg, es war der 9.11.2018

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Beim Feiern bin ich der emotionale Typ. Ich buhe auch mal einen „Künstler“ aus, wenn mir seine Performance nicht passt. Das empfinde ich nicht als „böse“ oder „gemein“. Es ist legitim. Erstens ist es im Theater gängiger Brauch nach der Vorstellung seine Meinung kundzutun. Zweitens ist es für mich ein Unding, dass Künstler immer nur durch Klatschen belohnt werden, nie getadelt. Der Tadel in der westlichen Hemisphäre besteht ausschließlich darin, nicht zu Applaudieren. Doch gerade im Feier-Performance-Bereich gilt: Irgendein druffer Trottel klatscht immer. Auch. Wenn man oft nur den einen Künstler von und den folgend auf die Bühne jubeln will. Meine Frau schämt sich dann natürlich regelmäßig immer wieder schrecklich, wenn ich aus der Masse heraus DJs ausbuhe, die nach ihrem Set immer (wirklich: Immer) selbstverliebt auf dem Podest stehen und sich für die/den Geilste/n halten. Da gibt es nie auch nur den Zweifel einer Unsicherheit über die eigene Performance. Klar. Man muss sich ja nicht gleich entschuldigen nach seinem Auftritt. Das ist natürlich auch Quatsch. Doch ein wenig sollte die Einsicht dann doch durchblitzen, dass man gerade am Publikum vorbeigespielt hat. Leider.

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Wir waren wegen „Worakls“ in die Kantine nach Augsburg gekommen (ja, ja, schon wieder die Kantine…) und der hat mit seinem Live-Act (also Live-Auftritt) erst um halb 3 angefangen. Die Uhrzeit geht in Ordnung, schließlich war es ein Event mit elektronischer Musik und keine Rockmusik, zu der man sich schnell besaufen muss, als wäre man in einem englischen Pub von vor 10 Jahren (nein, ich werde diesen Spruch nicht erklären). Wichtig ist: Wenn man den Künstler, dessen Name auf den Karten steht (auch wenn man ihn falsch darauf gedruckt hatte…) so spät spielen lässt, braucht man ein tüchtig gutes Vorprogramm, welches (wir erinnern uns an den ersten Absatz) leider nicht vorhanden war. Der erste DJ, ein junger schwarzer Typ, machte seine Sache noch ziemlich gut. Er versuchte sich wenigstens dem Sound der spät live und in Echt aus den Boxen dröhnen wurde, ein wenig gerecht zu werden. Der zweite Typ, ein junger weißer Kerl, spielte nicht nur einen unbedeutenden, langweiligen und austauschbaren Sound herunter, nein, er hatte auch nichts mit Worakls zu tun. Da lief ewig austauschbarer Techno/Minimal, der alles andere als relevant war. Keine Hits von Niemanden, dabei hat der gute Worakls nen guten großen Freund, N´To, dessen Platten sich super als Warm-Up geeignet hätten. Man muss ja nicht gleich nur N´to spielen, ein wenig Spirit hätte auch gereicht.

Ich ziehe hier mal das Zitat meiner Frau heran, die wie wir inzwischen wissen, gnädiger mit Künstlern umgeht als ich, welche am Tag nach dieser Nacht meinte: „Mir schmerzen richtig die Füße vom vielen Herumstehen.“ Das sagt doch alles.

Es war ohnehin brechend voll in der Kantine, da oben im zweiten Floor kaum Besucher waren: Alle wollten Worakls hören, von dem natürlich keiner wusste, wann der anfangen würde; woher auch? Ein gewöhnliches Übel solcher Veranstaltungen, bei denen keine Uhrzeiten promotet werden, damit viele Leute früh kommen und möglichst lange Geld in die Kassen saufen. Schließlich war es dann so voll, dass an Tanzen schon lange nicht mehr zu denken war. Klar, der gesamte obere Floor war in den unteren gerutscht. Das mag brandschutztechnisch legitim sein, für den Kunden ist das aber scheiße. Wir mussten uns also unseren Platz an der Seite sichern, damit wir später überhaupt ein wenig Raum zum Tanzen zu hatten (Randbemerkung: Ich habe erste ein Video von Marika Rossa aus der Kantine gesehen, wo der Tenor in den Kommentaren lautete: „Tolles Set, aber wenig Stimmung in dem Laden! Was ist nur mit den Leuten los?!“ Hier die Antwort: Die hatten einfach keinen Platz für Stimmung.)

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Irgendwann, nach gefühlten Jahren, endete unter Selbstherrlichem Grinsen das Set von dem Typen vor Worakls. Sollten mich doch die Leute blöd ansehen während ich betrunken den Trottel ausbuhte. Drogendruffe Augen. Wie die Schafe blickten sie mich an, als sie sich nach mir Deppen umdrehten, der da krakelte.

Worakls machte gute 1,5 Stunden. Und das ist eine sehr gute Länge für ein Live-Set. Wirklich. Wenn ein DJ nur 2 Stunden seine Platten spielt, gehört er ordentlich verprügelt, wenn mit seinem Name geworben wird: Zwei Stunden sind NICHTS. Eine unglaubliche Frechheit, dass die Jugend von heute ihr teures Geld für 2 Stunden zum Fenster hinauswirft; einfach unbegreiflich. Bei Live-Auftritten wurde man jahrelang mit einer Stunde abgespeist. Was noch okay war. Aber anderthalb Stunden sind schon sehr viel angebrachter und Kundenfreundlicher. Worakls spielte dann seinen Filmmusik-Electro herunter. Viele Flächen. Viele Melodien. Große Gesten. War ganz okay. Was man erwarten konnte. Nur auch nicht mehr. Während er den immer gleichen Wechsel zwischen einem Basslastigen Song und einem Geklimper-Hit machte. Man merkt schon, dass das Vorprogramm für mich auch Auswirkungen auf Worakls selbst hatte. Insgesamt hätte der Veranstalter doch einiges besser machen können.

Schade.

 

Absolution 39 – Echte Männer trinken 15 Weizen

Noch einen Tag später lag Paul mehr tot als lebendig im Pausenraum seiner Arbeit. Den ersten Tag nach dem „Feiern“ empfand Paul erfahrungsgemäß als gar nicht so schlimm. Die Drogen wirkten noch ein wenig nach und wenn sich einmal die Konsuminduzierte Verstörtheit gelegt hatte, fühlte sich Paul für einige Stunden geradezu entspannt. Er bewegte sich dann in seiner Selbstwahrnehmungsblase wie in dem Auge eines Orkans, in welchem er ausgeglichen und konzentriert Beobachtungen feststellen konnte, bis… Bis am späten Nachmittag ihm unabwendbar die große Erschöpfung die Füße wegzog und ihn unsagbar schlapp und müde machte. Am zweiten Tag danach hatte er für gewöhnlich 10 bis 12 Stunden Schlaf eingefahren, was leider nur dazu führte, dass er sich platter fühlte als am Vortag. Da weder sein Körper noch sein Verstand sich im Klaren darüber waren, ob er nun wach war oder nicht, war Paul so gut wie jeden Dienstag immer ziemlich durch mit der Welt. Selbst der raue Verzehr von Kaffee machte ihn nicht mehr fit, sondern nur im Gegenteil nur noch wirrer. So lag er also auch diesmal in seiner Pausenzeit mit dem Kopf auf dem Tisch wie erschlagen da und döste vor sich hin. An Schlaf war nicht zu denken. Die Augen zu schließen fühlte sich dennoch erholsam an. Wenn nur nicht das ständig Gerede seiner Arbeitskollegen wäre.

Junger Kollege: „Oh… Ich war gestern soooo dermaßen voll… Bis um halb 4 Uhr früh ist erst gegangen…“
Alter Kollege: „Du bist ja heftig unterwegs!“

Junger Kollege: „15 Weizen habe ich getrunken!“

Alter Kollege: „15 Weizen!“

Junger Kollege: „Und dann haben wir mit dem Schnaps angefangen! Wir hatten ja auch was zu Feiern! Im Clubhaus haben wir einen Dildo an die Wand geschraubt! Vorne nen Dübel rein! Hinten nen Dübel! SOOO groß ist das Teil!“

Alter Kollege: „Hahaha, ihr seid ja verrückt!“

Paul innerlich: Stöhn…

Junger Kollege: „Da haben wir dann n Licht außen rum gemacht und zu jeder vollen Stunde fängt der zu blinken an!“

Alter Kollege: „Das ist ja geil! Auf IDEEN kommt ihr! Ich trink ja kaum mehr was… Der Paul eigentlich auch nicht mehr… Sagt er…“
Paul stellte sich weiterhin schlafend.

Alter Kollege: „Apropos Dildo! Hier! Der neue Porno-Kalender ist übrigens.“

Paul hörte Finger, die sich durch Papier blättern.

Junger Kollege: „Der ist ja SUUUUPER. Was ist denn das? Ah. Von Aichen. Der Gabelstabler-Firma. (Kurze Pause) Boah!!! Schau dir mal DIE an! Die hat ja größere Titten als ihr KOPF!“

Alter Kollege: „Die würde ich auch ordentlich ran nehmen wenn die mir über den Weg käme!“

Beide lachend: Muaahahahahaha!!!!

Paul war durchaus klar, dass vor ein paar Wochen seine Hauptbeschäftigung darin bestand, sich Nächte lang zu Pornografie selbst zu befriedigen, dennoch, widerten ihn seine Kollegen unglaublich an… Was waren das nur für Menschen? Hatten die denn gar kein Niveau? Sollten sie privat machen was sie wollten. Mussten sie deswegen aber so einen Scheiß herauslabern? Erstens konnte sich Paul nicht vorstellen, dass der kleine Maier 15 Weizen von gestern Abend auf heute Morgen getrunken hatte (vom darauffolgenden Schnaps ganz zu schweigen), zweitens war es ihm vollkommen fremd mit seiner eigenen Trinkleistung anzugeben. Wie alt waren sie denn? 17? Drittens beeindruckte es einen Drogenuser wie ihn herzlich wenig, viel Trinken zu können. Um sich von den Amphetaminen „herunter zu trinken“ (d.h. um die Wirkung des Speeds zu überdecken und bestenfalls dadurch schlafen zu können) gab es Nächte, an denen er eine Flasche Wodka in zwei Zügen geleert hatte – nur um immer noch sehr drauf und überhaupt nicht betrunken oder müde zu sein… Und es ist ja eine Sache eine Frau geil zu finden, man muss dann aber auch nicht so eine Grütze rauslabern als würde man sich in einer Fußballer-Umkleidekabine befinden. Oder in der Kommentarspalte unter einem You-Porn-Video. Verdammte Bauernproleten…  Was sollte das den vortäuschen? Männlichkeit?

 

Alter Kollege: „Früher habe ich auch gesoffen und die jungen Mädler bestiegen wie einen Fünftausender! Das kannst du mir aber glauben! 2 Mädler am gleichen Tag waren da keine Seltenheit!“

Junger Kollege: „Das kenne ich!!!!  Wenn ich einmal LOSLEGE, ABER DANN!“
Worauf sich Paul dachte: Jetzt reicht der Schwachsinn aber.

Abrupt hob er den Kopf vom Tisch und legte die Fakten auf den Tisch. Er zeigte auf den jungen Arbeitskollegen und blaffte ihn an: „Du bist Scheiße, Mann!“ Paul richtete seinen Finger auf den älteren Kollegen: „Und du warst schon IMMER Scheiße! Hört ihr euch überhaupt zu?“

Alter Kollege: „Was hast du denn?“

Junger Kollege: „Ja! Was stimmt denn mit dir nicht?!“

Paul stand auf und ging einfach wieder an die Arbeit. Wie konnte man in so einer Umgebung NICHT Drogensüchtig sein? Hatte er überhaupt jemals eine andere Chance gehabt?

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Absolution 38 – Tätersuche

Dreizehn schlaflose, wirre Stunden später stand Paul verplant im Lidl und konnte sich nicht entscheiden, welche Tiefkühlpizza besser zu seinem Charakter passte: Eine No-Name oder „Doktor Oetker“. Unvermittelt spielte sein  Smartphone „Human after all“ von Daft Punk ab. Pauls Reaktion darauf war ein Seufzen und Fummeln in seinen Taschen nach dem Telefon. Es war heute in der Arbeit schon hart genug gewesen. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Wie so oft. Er hatte Dienst nach Vorschrift abgespult, mit dem Motto: Lieber heftiger ranklotzen, dann stellt auch niemand irgendwelche dummen Fragen. Sich nur nicht gehen lassen, konzentriert bei der Arbeit bleiben. Die ersten Stunden waren wie immer die beschissensten gewesen. Hatte man die aber mal hinter sich, klappte auch der Rest des Tages. Nur nicht der Stimme im Kopf nachgeben, dass man doch voll im Arsch sei und einfach heimgehen sollte; die Variationen der Ausreden um früher zu gehen sind unendlich und wurden mit den Wochen dennoch immer dämlicher. Er konnte nicht schon wieder einfach abhauen. Also einfach durchziehen. Um danach zuhause ins Bett fallen zu können. Und nun doch wieder Daft Punk… Der Fettsack rief an. Natürlich.

„Servus. Dicker, bist du fertig mit der Arbeit?“

„Ich bin MEHR als fertig… Ich bin Hundemüde und…“ begann Paul zu lamentieren.

„Du bist IMMER Hundemüde! Du musst sofort vorbeikommen! Hast du das Bild nicht bekommen?“

„Doch, klar. Heftige Sache… Aber ich bin so im Arsch…“
„Ausreden gibt´s da jetzt nicht. Kriegsrat. Du musst rüberkommen. Heute! Müdigkeit vortäuschen zählt nicht!“
„Wieso denn vortäuschen?…“
Pause.

Dann der Fettsack: „Dicker. Ich brauch dich.“

„Oh fuck… Ja. Ich bring noch meinen Scheiß heim. Bin Einkaufen.“

Eine halbe Stunde später saß Paul tatsächlich auf dem Sofa im Bosporus. Er war total durch. Und beeindruckt. Wie der Fettsack den „Junkie“-Schriftzug so schnell von der Scheibe bekommen hatte.

„Mitm Golfschläger.“ War die Antwort. „Erschien mir als schnellste und beste Lösung… Diese Wichser!“

Paul (langsam im Kopf): „Mitm Golfschläger?“

Boris, den alle Bobby nennen, drehte sich abschätzig zu Paul um und erklärte es ihm schmunzelnd: „Du Trottel. Er hat die Scheibe eingeschlagen.“

Paul mochte Bobby. Zwar war er einer dieser „falschen Freunde“, mit denen sich der Fettsack umgab. Einer von den Typen, mit denen er nichts gemeinsam hat, außer die Sucht nach Drogen und Partys. Trotzdem mochte Paul Bobby. Vor ein paar Jahren waren sie sogar einmal sehr gute Freunde gewesen. Dann aber, hatte das Leben so gespielt.

Paul total überfordert: „Wo hast du denn GOLFSCHLÄGER her?“

Fettsack: „Ist doch egal! Mann!“ Er zog vor lauter Wut die Bong schlürfend durch. Schüttelte kurz den Kopf und lies den Rauch wieder aus seinen Lungen qualmen. „Die mach ich fertig!“

„Und wen?“ fragte Paul, der immer noch irritiert über das Golfer-Geheimnis seines Freundes war und nuckelte an seinem Spezi.

„Irgendwelche NEIDER!“ raunte der Fettsack.

„Joa“, nickte Bobby. „Ist ne Theorie. Verdammter Kleinstadt-Scheiß. Die gönnen es halt niemandem seinen Erfolg auszuleben. Weil die nichts auf die Reihe bekommen als über andere zu lästern.“

Die anderen Zwei nickten.

„Ich hab dir das aber schon dutzende Male gesagt: Du musst dich mehr unters normale Volk mischen. Die zerreißen sich doch hinten rum das Maul über dich. Du glaubst gar nicht wie oft ich auf dich angesprochen werde, was denn jetzt wieder bei dir los war“, fuhr Bobby fort und stopfte sich neben zu einen Topf für die Bong.

„Scheiß drauf… Ich hab keinen Bock unter Leute zu gehen…“ grummelte der Fettsack.

Paul sah müde Bobby dabei zu, wie er den Topf durch die Bong sog. Dann lachte Bobby: „Unter Leute… Unter Leuten… Klingt nach Juli Zeh. Hast du das gelesen?“

Paul: „Hä?“

Bobby: „Na UNTER LEUTEN! Das Buch von Juli Zeh!“
„Was? Ne… SPIELTRIEB hab ich mal gelesen. Fand ich aber… Poh… Sehr unglaubwürdig geschrieben.“
„Die hatte doch noch… Die hatte doch noch… Mensch…“ Bobby rang mit seinem bekifften Selbst, „So´n anderes Buch… Irgendwie mit Staatlicher Überwachung oder so. Internet… Weiß nicht mehr… (Pause) Das war aber gut.“
Paul: „Ja… Puh…“

Fettsack: „WAS JUCKT MICH FUCKIN JULI ZEH, MANN!“

Bobby, total bekifft: „Das nenn ich mal ne Kritik. Voll korrekte Message, Diggi.“

„Mann! Fuck!“ fluchte der Fettsack. „Ich will wissen welcher Psycho, das scheiß JUNKIE auf meine Scheibe gesprayt hat!“

„Ach gesprayt… Deswegen Golfschläger… Da hätte es Terpentin aber auch getan. Geht ganz easy wieder ab“, merkte Paul an.

Fettsack: „Auch schon egal. Mir war danach… Scheiß auf die Scheibe… Wichtiger ist, WER das war. Gar keine Ideen?“

Paul: „Hast du irgendwen abblitzen lassen? Gibt´s irgendwer der sich von dir beschissen fühlt?“

„ICH HAB NIEMANDEN BESCHISSEN! Was ich hier Geld für den Scheiß raushaue! Da bin IMMER ICH der Beschissene! Ich zahle IMMER MEHR für korrektes Zeug. Aber meistens dann doch wieder nur MIST den sie mir verticken wollen!“

„Könnten wir beim Thema bleiben? Irgendwelche Feinde?“, Paul riss sich zusammen und wollte die Unterhaltung voranbringen. Sonst würde er hier nie wieder wegkommen.

„Ich hab keine Feinde…“
Mit einem schiefen Blick auf Bobby, der inzwischen einfach nur platt im Kanapee hing wie ein Boxer in den Seilen. „Oder ehemaligen Freunde?“

Blitzgescheit und plötzlich sehr wach sah Bobby Paul an und machte: „Hm.“
„Ganz ehrlich. Kein Plan“, der Fettsack resignierte ein wenig.

„Mit dem Neid. Mit dem hast du wahrscheinlich recht“, auch Bobby riss sich jetzt zusammen. „Doch wen interessiert das denn überhaupt? Scheiß doch auf die ganzen Deppen, die einem ehrlichen Händler und Großverdiener seinen Erfolg streitig machen wollen.“

Paul: „Stimmt doch. Wenn´s die einzige Aktion in der Richtung bleibt, dann verbuch das unter Neider. Und ganz ehrlich. Könnte schlimmer sein.“

„Es könnte aber auch noch schlimmer werden“, grollte der Fettsack.

„Da hast du Recht“, nickte Paul und trank sein Spezi leer. Er nahm sich vor einmal mit Chris zu reden. Nein. Er musste mit Chris reden. Ansonsten fiel ihm kein Verdächtiger ein. Doch das konnte er dem Fettsack nicht sagen.

„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“ erkundigte sich Paul.

 

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Absolution 37 – Der Anfang vom Ende

Kapitel 13

„Puh“, puhte Paul. Zurück in der realen Welt, rieb er sich erst einmal die roten, wunden Augen. Schlief er? Hatte er geschlafen?…

Die Wände seiner Wohnung waren kalt und steril.

Was war diese andere Welt? Wahnvorstellung? Traum? Wirklichkeit? Zeitvertreib?… Einfach nur ein Ausweg seines Verstandes sich vor einer Realität zu retten, mit der er schon lange nicht mehr klarkam? Spielte es überhaupt eine Rolle? Was juckten ihn diese blöden Kinder. Immerhin schmerzte ihm nach diesem Trip keine Stelle seines Körpers. Er war weder wundgelegen, noch wundonaniert. Seine Rückmuskulatur vom falschen Sitzen nicht verzogen. Tatsächlich hatten seine „Kurztrips“ in die Welt des Dschungelvolkes die ganze Idee seiner einsamen Sessions über den Haufen geworfen. Es zog sich weder Pornografie rein, noch hatte er seine Triebabfuhr. Er wusste nicht einmal, ob die Drogen überhaupt noch wirkten; okay, ohne die Drogen gäbe es auch keine Reisen. Schließlich musste er immer „drauf sein“ sein, um in der anderen Welt „drin zu sein“. Merkwürdig blieb, dass er sich in der anderen Welt immer mehr wie in der Wirklichkeit gab… Er war nicht mehr der, der die Geschichte formte und alle Figuren beherrschte. Er entschied nicht mehr wie es weitergehen würde, noch wie sich die Leute zu verhalten hatten. Irgendwie… Wurde sein Wahn von dem von ihn erdachten Figuren demokratisiert… Was passiert da? Dennoch war nicht abzustreiten, dass ihn diese „Reise ins Ich“, dieser Fantasy-Trip ebenso süchtig machte, wie seine Selbst-Sex-Sessions zuvor… Paul hatte viel über sie nachgedacht, über diese Porno-Träume. Warum er es tun musste, weshalb er diese Form der Selbstbeherrschung brauchte… Und so irre es war: Es ergab Sinn. Es machte einfach Sinn vor den Leiden der Tatsächlichkeiten in eine bessere Welt zu fliehen, in der er der omnipotente König aller Möglichkeiten und Lebensformen war. Aber dass jetzt… Irgendwie… Fehlten ihm seine Sexträume. Und doch… Vielleicht war dieser Fantasy-Kram einfach nur ein Ausweg, den ihm sein Verstand aus seinem selbsterwählten Dilemma der Einsamkeit zeigen wollte. Möglich, dass dieses Fantasy-Zeug eine unterbewusst logische Fortsetzung seines Dilemmas war. Ob es sich hierbei nun um einen Ausweg oder eine Verschlimmerung der Situation handelt, konnte er bei Gott nicht feststellen. Wie auch immer.

Er seufzte abermals. In seinem Zimmer roch es nach Lösungsmittel. Vielleicht. War es auch nur der Geschmack in seinem eigenen Mund.

Wasser. Hilft. Immer.

Er fühlte sich gar nicht verspannt wie sonst, als er sich ziellos in seinen 4 Wänden umsah. Nur müde. Ja. Müde war er. Was eine gute Sache war. Schlaf ist und bleibt die einzige Form von Erlösung…

Ein Lichtschein an der Wand erregte seine Aufmerksamkeit. Hatte er den Kühlschrank aufgelassen? Paul verdrehte seinen zähen Körper in die Richtung des Geräts. Er konnte sich gar nicht… Auf war das Ding trotzdem. Das Kühlschranklicht war die einzige fremde Lichtquelle im Raum, bis auf den PC-Bildschirm, der unterkühlt sein trauriges Licht an die sterilen Wände warf. Das Surren des Kühlaggregats als das einzige Geräusch im Raum. Viel lauter als der schnaufende Ventilator seines Rechners.

Mit leicht verspannten, knacksenden Gliedern ging Paul hinüber zu seinem Kühlschrank, in seine Küche, bei der zu allem Überfluss auch noch die Türe auf war und theoretisch die Nachbarn hineinsehen konnten. Paul schloss den surrenden Kühlschrank.

Pauls innere Stimme: „Hm. Das Gehirn speichert nicht jeden unsinnigen Kram, den wir Menschen machen. Sonst würden wir verrückt werden.“ Irgendwo hatte er das mal gelesen. Wahrscheinlich im Internet. Klang trotzdem logisch. Neben dem Kühlschrank standen zwei Flaschen Wasser, von denen er zwar auch nicht wusste wann er sie dort hingestellt hatte (Paul stellte nie 2 geschlossene Flaschen nebeneinander irgendwohin), nur war ihm dieser Umstand egal. Er nahm einen tiefen Schluck, schnappte nach Luft und fasste in dem fürs erste Mal das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Ist nicht so besonders gut zu viel Chemie in einem trockenen Mund zu haben. Nicht das ihm auch noch vom Speed die Zähne abfaulen.

Seine Beine fühlten sich weich an. Wie aus Gummi. Jeden Schritt den er hinüber in sein Bad machte, ist vorsichtig gewählt und exorbitant leise, so als ob er an jemanden vorbeischleichen müsste. Eine unbewusste Reaktion auf die absolute Stille, die ihn umgab. Er verfiel oft in dieses Nächtliche Schleichen durch seine Wohnungen und hatte sich selbst daran gewöhnt. Auch aus den Nachbarwohnungen war kein Geräusch zu hören. Es war schon zu spät. Zu dunkel. Zu sehr Schlafenszeit. Das einzige Geräusch schien das Rauschen des Mondes zu sein, wie er dort oben über das Firmament glitt.

 

Die Überraschung die im Bad auf ihr wartete, registrierte er sofort. Nicht jedes Detail springt einem auf Speed gleich ins Auge. Je nach Draufheitsgrad kann man schon mal Details übersehen, wie Handwerker auf dem Balkon oder andere, vergleichbare Dinge, die gerade nicht im Aufmerksamkeitsfokus des Druffis liegen. „Spontan“ ist man selten auf Drogen. Doch was im Fokus liegt und einen gewissen Erwartungsgehalt besitzt, wird mit höchster Disziplin vom Verstand erfasst und verarbeitet. Das war bei dem Post-It-Zettel nicht der Fall, der mittig auf seinem Badezimmerspiegel klebte. Paul bemerkte ihn aber sofort. Seine Reaktion war: Totale Verwirrung. Seine ganze Körpersprache, sein ganzes Gesicht wurde zu einem einzigen: „Hääähhh? What the…?“ Er kniff seine Augen zusammen um mit seinen von den Drogen geweiteten Pupillen etwas erkennen zu können, riss den Klebezettel von seinem Spiegel und konnte darauf seine eigene, krakelige Schrift dechiffrieren, die ihm mitteilte: „Katha ficken.“ Paul. War baff. Wann hatte er?… Und warum? Er ließ den Zettel sinken und blickte sich selbst mehr als ratlos in dem Spiegel an. Sie sahen sich in die Augen. Er und der andere. Dieser Fremde, der ebenfalls so überrascht war wie er selbst.

„Katha ficken?“ seine eigene Stimme erschreckte ihn. Ebenso wie Paul sein eigenes Spiegelbild nicht geheuer war. Das war es ihm nie, wenn er Drogen genommen hatte. Sich nur nicht zu lange selbst in die Augen schauen. Schnell inspizierte er noch einmal das Post-It. Das war seine Handschrift. Keine Frage. Nicht schöngeschrieben. Aber trotzdem. Wann und… Warum? Hatte er das aufgeschrieben und an seinen beschissenen Spiegel geklebt? Damit er es selbst finden würde? Warum musste er sich überhaupt daran erinnern? War es denn nicht offensichtlich das er… Was von Katha WOLLTE? Weshalb sollte er ZUR ERINNERUNG so einen blöden Zettel ausfüllen? Was wollte er selbst sich damit sagen? Wieder sah er sein dumm guckendes Ich im Spiegel an. Die Vulgarität seiner Notiz verdutzte ich noch mehr. „Ficken“ zu denken war kein Problem für ihn. Aber als AUFGESCHRIEBENE Notiz? Das passte nicht zu ihm. Was ist denn hier los?

„Cool bleiben.“ Sagte er sich in Gedanken. „Das ist jetzt ein wenig strange. Okay. Aber… Könnte schlimmer sein. Man sollte vielleicht nicht zu viele Drogen nehmen, wenn man eh ein wenig durch ist. Und der Schlafmangel! Denk an den Schlafmangel! Ja genau! Den darf man nie außeracht lassen. Der führt oft zu einigem Irrsinn. Gut das du mich daran erinnerst… Klar. Kein Problem… Mit wem rede ich überhaupt?“

Das wurde ihm jetzt doch ein wenig zu irr… „Hör auf mit dir selbst zu reden! Gute Idee! Ahhh!… Halts Maul!“ Paul zerknüllte den Zettel, machte schwunghaft das Licht aus, ging durch das Wohnzimmer wieder hinüber in sein Schlafzimmer und warf sich nackt in die Laken. „Einfach. Ruhe. Jetzt. Niemand sagt was!“

So lag er da. In der Stille. Eine Minute lang. Zwei Minuten. Dann gingen die Gedanken wieder von vorne los. Sich in der Dunkelheit von irren Drogen-Gedanken überrennen lassen, die sich dann im Kreise drehen, bis sie plötzlich zu einem Strudel aus Wahnsinn werden, in der er sich immer wieder die gleichen Fragen stellte, bis er auf irgendeine Lösung kam, die er dann dank der Drogen wieder sofort vergessen würde, und das alles wieder von vorne beginnen würde, wie in schon viel zu vielen Nächten, ne, auf den Scheiß hatte er jetzt keinen Bock. Zu oft war er in absoluter Dunkelheit dagelegen und hatte sich selbst verrückt gemacht und jeden möglichen Unsinn eingeredet, bis er am Ende gar nicht mehr wusste, was wahr ist und was er sich ausgedacht hatte; Dunkelheit und Drogen: Ganz schlechte Idee. Er war viel zu unkonzentriert um jetzt klar zu bleiben… Reize! Er brauchte Reize. Irgendwas, was ihn ablenken würde. Das Handy! Natürlich! Alle sehen auf ihr Handy um sich abzulenken! Guter Plan, dann würde er diesen blöden Zettel gleich vergessen haben. Irgendein Quatsch auf Instagram würde ihn bestimmt unterhalten. Was sollte das auch mit dem Zettel? Ist doch eh egal. Ist doch nicht schlimm. Manchmal, ist man halt ein wenig durch. Passiert. Und das nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich auch nicht zum letzten…

Er ertastete neben seinem Bett das am Ladegerät angesteckte Smartphone, stöpselte es ab, machte es an (das Licht war hell, erschreckend hell und doch sehr angenehm in der Dunkelheit seiner Drogenparanoia) und sah sofort, dass der Fettsack ihm vor etwa drei Stunden eine Whatsapp-Nachricht geschickt hatte. Es war ein Foto, unter dem stand: „Weißt du irgendwas darüber?“ Paul kniff wieder die Augen zusammen. Das Handy war schon verdammt grell in dieser absoluten Dunkelheit. Aber er kannte das was auf dem Bild war. Das Foto zeigte… Wenn er das richtig sah und sein Kopf das Bild richtig zusammenfügte. Eine Außenaufnahme des Bosporus. Dem kleinen Club vom Fettsack. Die ehemalige Dönerbude. Auf dem Handyfoto war es eindeutig Nacht. Im Gebäude war es dunkel. Nur hatte von außen jatte irgendwer mit rosa Sprühfarbe: „Junkie“ auf die Scheibe gesprüht. Ja. Also. Irgendwer hatte an Fettsackshaus „Junkie“ geschrieben. Alter Falter! Harte Suppe… Was für ein Scheißdreck… Ob er darüber irgendwas wusste? Woher sollte Paul?… Wie in alles in der Welt?… Was zum Henker?… Warum sollte gerade er? Der Fettsack dachte doch nicht etwa?

Paul. Begriff. Nichts.

Er knippste das Zimmerlicht an. Warf das Handy in die Laken und holte sich aus dem Kühlschrank ein kaltes Bier. Er köpfte es und setzte sich vor dem Kühlschrank auf dem Boden. Ganz ruhig bleiben.

Wenn Angela Merkel Kinder hätte, gäbe es in Deutschland auch keine Flüchtlinge

So was bekomme ich original in der Arbeit zu hören. Einer dieser berühmten Sätze, bei denen man nicht weiß ob man Lachen oder Weinen soll. Wirklich? Glaubt ihr das tatsächlich? Hätte Angela Merkel also Kinder, hätte sie die Grenzen dicht gemacht (die nicht sie aufgemacht hat, sondern die Welt eines vereinten Europas ständig offen hielt) und alle Flüchtlinge im Winter erfrieren oder sie gleich erschießen lassen. Um ihre eigenen Kinder zu schützen. Vor Leuten, die niemanden etwas getan haben. Machen das Leute die Kinder haben? Verachten und hassen sie Fremde, weil sie eine potentielle Gefahr darstellen?

Ohne Zweifel ist jedes Verbrechen, dass hier in Deutschland begangen wird, eins zu viel. Es ist erst einmal egal von wem es begangen wird. Aber wenn es von Geflüchteten verübt wurde, dann erst Recht. Das ist auch meine Meinung. Es ist weder mir noch anderen zu erklären, wie man sich einem Land, dass sich gütig und gnädig gezeigt hat, undankbar, also strafbar gegenüber zu verhalten. Es muss konsequenter abgeschoben worden – da sind wir uns alle einig. Nur blöd das der Rechtsstaat sich da oft selbst im Weg steht; Fluch und Segen zu gleich. Vergewaltigungen und Mord können nicht geduldet oder schöngeredet werden, ganz gleich wie traumatisiert oder Gesellschaftsfremd ein Mensch auch sein mag. Es gibt keinen Grund diese Leute auch noch in Schutz zu nehmen. Erst recht nicht bei der politischen Lage. Tatsache ist aber auch, das sehr wenige Straftaten begangen werden, rein statistisch gesehen. Wenn eine Millionen Menschen in ein Land kommen und innerhalb von 3 Jahren „nur“ 30 Menschen von ihnen ermordet werden, ist und bleibt natürlich jeder Tote einer zu viel (und das wird sich auch nicht ändern, selbst wenn es ein einziger Ermordeter oder 500 wären), statistisch betrachtet ist das aber eine gar nicht mal so üble Quote. Und so hoch ist der Anteil an Frauen daran überraschenderweise nicht einmal (ich persönlich nahm an, dass das „schwache Geschlecht“ viel stärker betroffen sei).

Zurück zum Thema…

Ich habe das in meiner Umgebung häufiger gehört, dass wenn ich Kinder hätte, ich nicht so LINKS sein würde. Ehrlich gesagt bin ich gar nicht LINKS. Ich bin ein treuer Fan des Grundgesetzes. Das ist echt ein gutes Buch. Und ja, ich mag Europa, so wie den europäischen Gedanken, dass wir für unsere Rechte und Freiheiten eintreten, und die nicht gleich über Bord werfen, nur weil die „AFD“ oder „die Linke“ es gern so hätten. Vor ein paar Jahren war man da noch Mitte der Gesellschaft, heute ist man links. Aha. Auf jeden Fall beschäftige ich mich seit einiger Zeit damit „Kind“ zu haben und was für eine Welt ich ihm hinterlassen will. Entweder eine Welt in der es Gefahren gibt (die es übrigens immer geben wird), in der es auch irre oder einfach nur desillusionierte Zuwanderer gibt (die sind nicht weg zu diskutieren, auch wenn 99 Prozent dieser Leute friedlich sind und die Schnauze voll haben von Mord, Krieg und Armut) oder eine bereinigte Welt, in der alles wegkommt und niedergemacht wird was fremd ist: Eine sichere Welt, die von Angst beherrscht wird, sobald ich einem Fremden begegne, der anders ist als ich. Klar will ich nicht, dass meinem potentiellen Kind Gewalt angetan wird. Wer will das schon? Aber rein statistisch gesehen wird meinem Kind von einem Familienmitglied mehr Gewalt angetan, als von einem Kerl, der einen ganzen Kontinent und ein Meer überquert hat. So gesehen müsste ich meine Familie aussperren. Nicht den Fremden. (Okay, ein wenig albern formuliert. Der Punkt sollte aber ankommen). Nein. Ich will nicht, dass mein Kind in Angst vor der Welt leben muss. Ich will nicht, dass es Fremde hasst und erst Recht nicht, es sich für besser als andere Menschen hält. Ich halte es auch für Unsinn zu glauben, dass ich die Welt dadurch Gefahrenloser für meinen Nachkömmling machen kann, in dem ich das was fremd ist, von unserem Leben ausschließe. Denn in die Menschen, in die kann man nie hineinsehen. Egal ob er schon seit 30 Jahren der Nachbar meines Vaters ist. Oder frisch vom Boot kommt.

Und was ist, wenn ein Geflüchteter kommt und mein Kind tötet und vergewaltigt? Würde ich dann nicht diese Menschen hassen? Seien wir ehrlich: Natürlich würde ich das. Es gibt Menschen, die können in dieser Situation abstrahieren und sagen: „Nicht alle Geflüchteten sind so. Es war nur einer von Millionen.  Was wäre dann, wenn ein URDEUTSCHER mein Kind misshandelt und getötet hätte? Würde ich dann alle Deutschen hassen? Ergibt es Sinn eine Bevölkerungsgruppe zu hasse, nur weil ich sie kategorisieren kann?“ Wie gesagt, es gibt Menschen, die so logisch denken können: Ich könnte es nicht. Selbstverständlich würde ich DIE hassen. Aber. Ich wäre auch so weltfremd und würde alle mir fremden deutschen Männer hassen, wenn sie meinem Kind oder meiner Frau etwas antun. Es ist nicht logisch. Trotzdem würde es sich RICHTIG anfühlen. Auch wenn die eine Millionen Geflüchteten nichts dafürkönnen. Oder im anderen Fall 40 Millionen deutsche Männer. Wer Angehöriger von Gewaltopfern ist oder wem selbst Gewalt angetan wurde, muss sich nicht logisch verhalten. Wer das aber nicht ist, der sollte abstrahieren können. Denn er muss logisch und vernünftig denken können. Ja er MUSS. Sonst ist er einfach ein Depp.

 

Diesen Ausgangssatz: „Wir hätten keine Flüchtlinge in Deutschland, wenn Angela Merkel Kinder hätte“, habe ich in der Arbeit gehört. Von einem eigentlich vernünftigen, wenn auch nicht gerade hellen Kerl. Für mein Befinden machen die unzähligen Whatsapp-Gruppen die Leute immer dümmer. Da wird viel zu viel in der eigenen Bubble gelebt und argumentiert. Geschlossene Gruppe sind einfach bescheuert.

Meine Antwort auf den Satz war (auch, wenn es sich darum nicht einmal um eine Frage gehandelt hat): „Okay. Ich weiß, dass ist jetzt ein wilder Vergleich, aber ich kann es nicht anders formulieren. Obwohl ich sicherlich nicht finde, dass die Merkel alles richtigmacht. Aber. Glaubst du, dass Jesus Christus ein anderer gewesen wäre, wenn er Kinder gehabt hätte? Glaubst du ehrlich, dass er seinen Nächsten gehasst hätte, um seine Kinder zu schützen?“

„Willst du jetzt Angela Merkel mit Jesus Christus vergleichen?“

„Irgendwie, na ja. Klingt fast so. Die eigentliche Frage ist aber, ob du ein Christ bist, oder dich das Elternsein zum Egoisten macht. Christ sein und nur an seine eigene Familie zu denken, ist leicht. Nur ist es leider nicht das, was einen Christen ausmacht. Für welche Werte stehst du? Sonst bist du witziger weise der Scharia näher als dem Christentum.“

Absolution 36 – Der Fehler im Bild

Verfolgt von den misstrauischen Blicken der Einwohner spazieren Banyardi und Ylva durch das Dorf. Die Sonne gleitet dabei langsam auf die andere Seite des Planeten.

Ylva: „Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist mich so offen zu zeigen… Die Ma-Fag sehen mich sehr böse an.“ Ylva fühlt sich sichtbar unwohl und ist verunsichert. Ebenso wie die Ma-Fag selbst. Zwei Arten wilder Tiere treffen aufeinander, ohne abschätzen zu können, wer der natürlich stärkere von beiden ist. Am liebsten hätte Paul einfach schützend seinen Arm um Ylva gelegt. Auch für ihn ist es ein seltsames Gefühl, wenn auch von ganz anderer Art. Banyardis und seine Kräfte scheinen sich vereint zu haben. Er strotzt geradezu vor Selbstvertrauen, ohne seine intellektuelle Beherrschung zu verlieren. Er würde sich… Ylva gewachsen fühlen…

„Sie sehen nicht dich an. Sie sehen das, wofür du für sie stehst.“
„Und worum handelt es sich dabei? Um eine Gefangene? Um eine Sklavin? Um die Beute? Die Tochter des Anführers der Mi-Cock?“

„Sie sehen dich nicht als Person. Für sie bist du ein Symbol. Ein Symbol für etwas, was sie nicht kennen und nicht einschätzen können. Wir sind ein sehr zurückgezogenes und dadurch auch sehr friedliches Volk. Veränderungen sind wir nicht gewohnt. Alles was uns als neu erscheint, macht uns… Nicht gleich Angst. Nein, das wäre Unsinn so etwas zu sagen. Wir sind nicht schwach. Die Ungewissheit macht uns viel mehr vorsichtig.“

„Aber wir sind doch nicht euer Feind!“

„Solange wir die Feinde nicht gesehen haben, bist du ein Symbol für diese Feinde, denn ohne jene, wärst du nicht hier. Eure Anwesenheit bringt uns in Gefahr, auch wenn ihr nicht die Gefahr seid. Also erzähl mir von diesen… Wie habt ihr sie genannt? Bestien?“

„Dämonen. Es sind Dämonen, die uns heimsuchen.“ Ihr Blick geht bei den Worten einen halben Meter vor ihren zierlichen Füßen her.

„Handelt es sich dabei umso grüne Muskelpakete? Um Orks? Werden sie von einem riesigen Auge angeführt?“

„Von einem riesigen…. Auge? Nein. Das sind nicht die Dämonen, von denen ich spreche… Kennt ihr etwa ein riesiges Auge als Heerführer?“ Paul ist überrascht, wie sehr sie auf seinen Spruch einsteigt. Ironie ist in dieser Welt allem Anschein nach nicht weit verbreitet. Nicht dass die Nordfrau schon einmal etwas von Elben gehört haben könnte. Es war schon immer ein typischer Fehler Pauls, Frauen gegenüber Witze zu machen, die sie nicht verstehen können.

„Nur Gerüchte… Ähm… Es sind auch keine lebenden Untoten, die aus dem ewigen Eis gekommen sind und den Winter mit sich bringen? Weiße Wanderer oder so?

„Nein…“
„Hm… (zu sich selbst) Gibt’s denn sonst noch etwas relevantes?“

„Ich kann dir nicht folgen…“

„Äh ja. Erzähl mir lieber von eurem Volk.“

„Wir sind ein Volk von Seefahrern. Wir sind weit gesegelt um bis zu euch zu gelangen. Die Dämonen haben uns gejagt.“

„Haben die Dämonen auch Schiffe? Bauen Dämonen Schiffe?“ Paul lächelt während des ganzen Gesprächs. Er weiß gar nicht was los ist. Das Ganze ist aber auch allzu lächerlich. Warum zum Henker muss sich sein Verstand gerade eine Fantasy-Geschichte ausdenken?

„Einige Schiffe scheinen sie erbeutet zu haben. Viele Dämonen können fliegen. Doch ihr Anführer… Ich glaube, dass er ihr Anführer war. Kam zu uns mit einem Schiff. Ein schwarzes, von innen her brennendes Schiff.“
„Von innen her brennend? Respekt…“

 

Die Zwei drehen immer wieder eine neue Runde durch das kleine Dorf der Ma-Fag, von denen sie inzwischen gar nicht mehr beachtet werden. Schnell haben sie sich an den gerade noch ungewohnten Anblick gewohnt. Die Mütter und Großmütter lassen sogar noch ihre Kinder zum Spielen nach draußen, die tobend und lachend herumtollen, während dem die Sonne hinter den gigantischen Urwaldbäumen versinkt. Ylva lächelt zu dem Anblick der Sprösslinge. „Schöne Kinder habe die Ma-Fag. So süß und lebhaft…“

Banyardis und Ylvas Weg bleibt bei der ganzen Zeit der gleiche. Vorbei an den Ställen der Nutztiere, die sich die Ma-Fag halten. Vorbei an dem Platz der Riten. Hinüber zum großen Lagerfeuer, dass selbstverständlich auch heute heiß lodert. Bis nach hinten zu der Wohnsiedung, die von Wachtürmen in Bäumen umstellt sind. Dann wieder auf der anderen Seite zurück in Richtung der Ställe. Der frühe Abend mit der dazu verbundenen Dunkelheit schafft ein angenehmes Klima. Es ist. Fast schon zu schön hier.

„Wundert es dich eigentlich gar nicht, dass ihr, ein Volk, das so weit gesegelt ist, die gleiche Sprache spricht, wie unser Dschungelvolk?“

Ylva sieht ihn abschätzend an. Könnte das eine Falle sein die Paul ihm stellen will?

„Welche… Welche Sprache sollten wir denn sonst sprechen, wenn nicht diese?…“

Sie bleibt stehen, neigt den Kopf ein wenig zur Seite: „Bist du wirklich der gleiche Mann, der Grammon erschlagen hat? Der gleiche Mann, der mich vorgestern besucht hat? Du wirkst so…“

„Anders? Nun. Vielleicht muss ein Mann sich verändern um ein Volk zu verstehen, dass er nicht kennt. Vielleicht muss man ein anderer werden, um andere zu begreifen.“

„Das ist es nicht was ich meine… Du siehst aus wie er… Aber…“

„Ich bin hier um euch zu helfen. Wirklich. Und es wäre eine Lüge, würde ich behaupten, dass ich damit nicht auch uns helfen will.“

„Dann hört uns zu! Kämpft mit uns! Schließt euch uns an! Nur gemeinsam können wir…“ Ylva nimmt Banyardi/Pauls Hand bei ihrem Aufruf und sieht ihn mit Augen an, in denen ein Mann versinken kann. „Vielleicht nicht gerade siegen… Aber Überleben! Wir wollen doch alle das Gleiche! Frieden!“

„Es ist nur schwer für uns, wenn wir die Bedrohung nie gesehen haben.“
„Das ist doch dumm! Ihr müsst uns glauben!“

„Das ist nicht dumm. Das ist nur natürlich! Wir…“

Eine Gruppe der Ma-Fag Kinder rennt lachend auf die Beiden zu. Mit großen Augen, jedoch heiter, rennen sie auf die Frau mit den gelben Haaren und der weißen Haut zu. Kinder kennen keine Berührungsängste. Sie umringen Ylva und versuchen ehrfürchtig, doch rasend neugierig, mit nur einem Hauch angeborener Kinderangst vor Fremden, die blonde Frau zu berühren. Ylva lacht und lässt es zu. Sie strahlt beim Anblick der Kinder über ihr ganzes Gesicht. Und die Kinder. Sie Lachen zurück. Ylva geht auf die Knie, macht Späße mit den Kleinen, während Paul die Szene beobachtet.  Paul ist sich nicht sicher: Ist das Show? Will sie sich bei den Mi-Cock beliebt machen? Vermenschlichen?

Die stolze Nordfrau nimmt eines der Kinder auf ihre Arme, drückt es an ihren großen Busen. Und fängt für alle, für die Kinder, für Banyardi und sicherlich auch für sich selbst, vollkommen unerwartet an zu weinen. Ylva drückt das Kind wie irr an sich und heult laut jammernd los. Nicht wie eine tapfere Frau, die sie nur vorgibt zu sein, sondern wie eine Mutter, Tante oder Freundin, die alles verloren hat; da fällt es Paul wie Schuppen von den Augen. Wie hatte er das übersehen können?

„Kinder…“, murmelt er vor sich hin. „Es sind die Kinder…“

Ylva weinende Augen treffen verwundert auf die Seine. „Ihr habt keine… Ihr nennt euch ein ganzes Volk. Aber ihr habt keine Kinder bei euch! Was ist euren Kindern passiert?“

Ylva lässt den erschrockenen Jungen wieder auf den Boden hinab, wo sie vollkommen in sich zusammenbricht und in einen stillen Heulkrampf verfällt.