Absolution – 46 – Die Erleuchtung

Paul packt mit Banyardis starker Hand Ylva an ihrem linken Arm und zerrt sie fort. „Komm mit verdammt noch mal. Wir haben zu reden.“ Der Griff seiner Hände ist grob und brutal. Jede Frau in der realen Welt hätte vor Schmerzen rebelliert. Nicht Ylva. Er zerrt sie vom Dorf fort. Fort von den Menschen, die seiner Logik nach gar keine sind. Als sie außer Sicht und Hörweite sind lässt er sie frei.

„Ich bin kein Erlöser, kein Auserwählter, kein gar nichts. Ich bin ein MISSverständnis. Denn erstens gibt es kein (er fuchtelt mit seiner rechten Hand in die Dschungelluft) HIER. Und zweitens bin ich gar nicht hier.“ Ylva massiert ihren rechten Arm, an dem er sie gepackt und gezogen hat.

„Beruhige dich Banyardi… Wesen… In Banyardi…“

„Paul. Mein Name ist Paul.“

„ Paul…“. Ihr wunderschönes Gesicht zeigt weder Entsetzen noch Furcht. Ihr Blick verrät freudige Hoffnung. „WIR haben dich gerufen. Wir haben dich hierhergeholt! Wir, die Mi-Cock! Du wirst unser Retter sein!“

„Püppy. Du hörst mir nicht zu! Ich weiß nicht einmal wie man ohne Feuerzeug FEUER macht! Mein Verstand redet sich nur ein, dass du dir einredest, dass ich mir etwas… EINREDE!… Herr im Himmel klingt das verrückt… Pass auf… Ich würde in diesem Dschungel verhungern! Ich bin kein Erlöser. Und ich bin auch niemandem eine Hilfe…“
„Du verstehst nicht! Auch ich kann in diesem Dschungel nicht alleine überleben. Wir haben dich nicht gerufen, damit du uns ernährst. Wir haben dich gerufen, damit du mir hilfst! Du bist der Schlüssel!“

„Dir? Warum ausgerechnet dir? Was macht dich denn zu etwas Besonderem?“ Paul zeigt dabei mit seiner ausgestreckten Hand ohne beabsichtigte Ironie auf ihre großen Brüste.

„Weil ich sie finden kann Paul! Ich kann sie finden!“ Mit diesen Worten hebt Ylva ihre Kette zwischen ihren Brüsten hervor, an der eine einzige, große Kugel die bis vor kurzem neckisch zwischen ihren Brüste gebommelt hat, und streckt ihm nun  eben jene Kugel entgegen. Tatsächlich ist diese Kugel wie nichts was Paul in dieser Welt jemals gesehen hat. Sie ähnelt einer braunen, verschlungenen Glasperle, ähnlich den Perlen, mit denen Paul als Kind einmal gespielt hat, bis er (sehr schnell) das Interesse an ihnen verloren hatte. Sie waren irgendwo im Schrank seiner Schwester gelegen. In einem kleinen Säckchen. Wahrscheinlich hatte auch seine Schwester sie nie benutzt, sondern sie nur von ihrer Mutter oder von einer Tante „geerbt“ gehabt. Paul mochte an ihnen, wie glatt und sanft sie gewesen waren. Fast anschmiegsam. Ylvas Kugel schien diesen zu gleichen, nur ist sie ein wenig größer und damit schwerer.

„Gute Frau. Ich will jetzt ja nicht massig mit meiner un-glaublichen Bildung protzen. Doch. Ich weiß, dass in Amerika indige Völker wie die Ma-Fag ihre eigenen Leute, ganze Länder für so wertloses Zeug wie diese Kugel verkauft haben. Doch. Nur weil du etwas nicht kennst und oder verstehst, muss es nicht von Wert sein. Glaskugeln sind nur… Gegenstände.“

„Berühre sie.“

„Was?“

„Ich will das du meine Kugel in die Hand nimmst.“

Ylva sieht ihn mit so weiten fordernden Augen an, dass ihm dabei unwohl wird. Allein dir Vorstellung etwas zu berühren, dass gerade so penetrant zwischen ihren wogenden Titten gebaumelt hat, erscheint Paul als einen Einbruch in Ylvas Intimbereich.

„Fass sie an!“
Paul seufzt. „Na okay. Ja gut. Dann fass ich halt deine blöde…“ In dem Moment in dem sich die von Paul bewegte Hand Banyardis um die Kugel schließt, schrumpft das gesamte Gesichtsfeld Pauls, dass auf Ylvas Gesicht gerichtet ist, schlagartig auf einen immer kleiner werdenden Punkt zusammen. Es beginnt damit, dass der Himmel verschwindet. Dann der Dschungel. Dann Ylva. Alles fällt in sich zusammen. Bis am Ende nicht nur Ylva, sondern auch der gesamte Dschungel, der Planet, jegliches Sonnenlicht, ALLES in sich zusammengebrochen und auf einen Punkt singularisiert ist. Bis auch dieses Staubkorn, welches einmal ein ganzer Planet war, verschwunden ist. In der ersten Sekunde in der, der kleine Punkt, in der sich die Welt der Ma-Fag fokussiert hat, verschwunden ist, saugt das Nichts des Weltalls in dem er sich unvermittelt und unvorbereitet befindet, die Luft aus seinen Lungen. Paul fühlt wie er fast augenblicklich dabei ist zu ersticken. Doch dazu kommt es nicht. Denn in der zweiten Sekunde erfriert Paul im Vakuum des Universums schwebend, abgeschnitten von allem, was ein Mensch zu überleben braucht. Kein Mensch kann außerhalb der Erde existieren. Doch er stirbt nicht.

Sein Bewusstsein versteht es zwar nicht, nimmt die Gegebenheit dennoch als Tatsache wahr, dass es hier einen Körper weder benötigt noch besitzt. Dabei ist Pauls Seele geschockt vor Angst. Noch nie in seinem Leben hatte sich so ein Gefühl der Überwältigung in ihm breitgemacht. Das hier war heftiger als jeder Drogenkick. Krasser als jede Panikattacke.  Schlimmer als ein Ritt auf LSD und Ketamin zusammen. Sein Bewusstsein ist innerhalb einer Sekunde komplett zusammengebrochen, wie ein Stern, der in sich zusammenfällt, nur um noch als tanzendes Staubkorn zu existieren. Er taumelt, dreht sich im Nichts. Und erst dann sieht er den Planeten. Diese unglaublich, unglaublich, ungeheuerlich verschissen große, riesige, gigantische Kugel direkt vor seinem Staubkornbewusstsein. Paul schreit, doch er hat keinen Mund, aus dem ein Wort entweichen könnte. Paul wird verrückt, doch er besitzt auch keinen Verstand, der in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.  Die pure Daseinshaftigkeit des beigen, braunen Planeten, hinter dem irgendwo, weit entfernt von der Erde die Sonne aufgeht, dem größten Planeten des Sonnensystems mit dem rotierenden, wabbernden Auge an dessen Unterseite, der irgendwie genauso und doch ganz anders aussieht wie auf den Teleskopbildern der Wissenschaftler, zerdrückt mit seiner Schwerkraft und durch seiner puren Daseinshaftigkeit Pauls Staubkornbewusstsein. Zermalmt alles was an ihm jemals menschlich oder auch nur möglich war. Paul wird verrückt beim Anblick der für ihn unendlich großen und dabei so gespensthaft göttlich stillen Gaskugel. Paul schreibt. Doch da ist kein Laut. Paul wird zerrissen, doch da ist kein Körper.

Alles geschieht auf einmal. Der Zusammensturz der Ma-Fag-Welt. Das Ersticken. Das Erfrieren. Der Planet. Der Wahnsinn. Und dann auch noch dieser entfernt schwache Sonnenaufgang hinter dem Gasballon, der all die Stürme und Wirbel beleuchtet und zum Vorschein bringt die über den Planeten tanzen; dieses Bild ist so schön, so schön, so schön, ungreifbar herrlich, dass es Pauls Bewusstsein so dermaßen überstimuliert, dass… Er weint und lacht zugleich. Verliert jeglichen Lebensmut. Und fühlt sich der göttlichen Erlösung so nahe wie noch nie in seinem Leben.

Wie Ylva ihn von sich stößt, fällt Paul nach hinten auf dem Boden und landet auf seinem Hintern. Paul wieder zurück im Dschungel. Zurück in der stickig warmen Welt von Mi-Cock und Ma-Fag. Zuhause auf Mutter Erde. Neugeboren auf dem dritten Planeten des Sonnensystems. Paul ist wieder Mensch geworden. Da sind seine Hände. Da seine Arme. Hier seine Beine. Da sein Kopf. Nachdem er die anderen Körperteile abgetastet hat bleiben seine beiden Hände auf ihm liegen. Erst dann saugt er erschrocken die heißfeuchte Luft des Dschungels in seine Lungen ein – noch nie hat Luft so gut geschmeckt wie in diesem Moment. Er hatte nicht einmal gewusst, das Luft schmecken kann. Ylva sieht das Entsetzen in seinen Augen.

„Hast du es gesehen?“ Die Frage ist überflüssig. Nur welche Frage wäre nach dieser Erfahrung angebracht?

„Fuck… Das… Das war Jupiter, oder etwa nicht?“

„Jupi?…“

„DER VERDAMMTE PLANET JUPITER!“

„War dir ebenfalls so kalt bei der Erscheinung?“

„KALT!?“

Paul seufzt. Daraufhin nickt er einmal entkräftet.
„Ja. Ja, mir war auch sehr kalt. Und sehr wenig Atemluft…“ Paul ist müde. Das Alles ist eindeutig zu viel für ihn. Sein Blick geht starr in den Dschungel hinein. Jetzt, nach diesem Erlebnis in der Kälte des Weltraums – was zur Hölle hätte seine… Vision denn sonst darstellen sollen? – fühlt sich dieser Ort unendlich wahrhaftig und lebendig an. Paul bohrt die Finger des Wilden in den Erdboden und greift fest in ihnen hinein, so als ob er im Inbegriff wäre, gleich wieder davon zu fliegen. Wie schön die Natur doch ist. Wie beschützenswert. Voller Leben und Hoffnung. Der Dschungel. Die pulsierende, raschelnde Lunge des Planeten Erde. Fasziniert lässt Paul seine schmutzigen Finger (Schmutz? Welcher Schmutz?) über die Blätter eines ihm unbekannten Gewächses gleiten. Eine Art Farn. Einfach nur grün und lang und blättrig. Und wunderschön. Der Farn fühlt sich lebendig in seinen Fingern an. Als hätte er wie Paul ein Herz und eine Seele. Er schüttelt den Kopf. Entweder ist dieser Ort eine andere Wahrheit. Oder. Er ist nun endgültig verrückt geworden. Sein Blick gleitet von dem Farn hinüber zur Mi-Cock Prinzessin, die ihn noch immer erwartungsvoll ansieht. Darauf wartet, dass der „Erlöser“ mit ihr spricht. Wie schön sie ist. Nur ist ihre Schönheit für Paul nicht mehr die Gleiche wie vor seinem Ausflug zum Jupiter. Ihre jetzige Schönheit ist für Paul nicht mehr die eines Objektes. Nicht einmal mehr die einer Frau. Ylva ist für ihn zu einem Menschen geworden. Paul seufzt. Was ist schon real? Katha? Ylva? Wie definiert man überhaupt den Begriff „Wirklichkeit“? Fragen über Fragen die man einem Psychotherapeuten stellen könnte. Er steht auf. Nickt Ylva aufmunternd zu und meint zu ihr: „Dann erzählt mir mal von deinem Thorfinn.“      

Werbeanzeigen

Der größte Lottogewinn aller Zeiten

800 Millionen Euro. Das ist doch schon gar keine Zahl mehr. Wer könnte dazu noch VERMÖGEN sagen? 800 Millionen Euro zu besitzen bedeutet unermesslichen Reichtum. Um diese Zahl darzustellen, muss man schon den Taschenspielertrick des „comic relief“ anwenden: Nur vielleicht Dagobert Duck hat so viel Geld in seinen Geldspeicher. Wobei. Ich könnte nicht einmal mehr sagen ob es diesen Geldspeicher in den Comics noch gibt. In meiner Kindheit gab es ihn. Und schon damals war der Umstand seiner Existenz so pervers, dass es mir als Knabe die Nächte zerstörte: Reichtum, unendlicher Reichtum; war das denn nicht das bessere Leben? Geld war in meiner Kindheit in den 80gern dass, was Harry Potters Zauberkräfte meiner Nachfolgergeneration versprach. UNENDLICHE MÖGLICHKEITEN. Dabei wusste ich noch gar nicht, was Arbeit ist. Wie schwer, nein, wie UNMÖGLICH es ist mit ehrlicher Arbeit so unermesslich viel Geld zu verdienen.  Nicht einmal mit Drogen kann ein normaler Mensch so unzählbar viel Geld machen. Nicht einmal Walter White hätte das vermocht. Doch ich hatte sie. 800 Millionen Euro. Der größte Lotterie-Jackpot, der jemals in Europa ausgeschüttet wurde.

Bis dahin hatte ich noch nicht einmal 100 Euro gewonnen. Und dann BÄM! So unglaublich viel Geld. Wären es nur 5 Millionen gewesen, wäre ich wahrscheinlich nicht sofort durchgedreht. Meinen Job hätte ich selbstverständlich genauso im Handumdrehen gekündigt. Denn auch wenn 5 Millionen Euro nicht den Wert besitzen, den einmal 5 Millionen Mark hatten, ist es immer noch eine sehr stolze Summe. Eine Million dagegen reicht nicht um nie wieder arbeiten zu müssen… Nicht mehr heutzutage… Für 800 Millionen dagegen kannst du dir 5 verschiedene Leben kaufen. Also kündigte ich den beknackten Job. Wer hätte das nicht getan? Dann verschenkte ich erst einmal Geld. Jeder aus meiner Familie bekam eine Million. Denn zum Glück habe ich eine sehr kleine Familie. Dann plante ich mit meiner Freundin die Weltreise, die wir antreten wollten, sobald alle Formalitäten erledigt seien. Ich liebte meine Freundin. Ich kannte sie seit 15 Jahren. 10 Jahre davon waren wir ein Paar. Die Hochzeit war für nächstes Jahr angesetzt. Ich hätte mir nie vorstellen können, eine andere zu lieben. Doch… Als ich mich durch das Internet scrollte wie ein Jugendlicher durch Internet-Pornografie und plötzlich all die Möglichkeiten begriff, die mir so viel Geld ermöglichte, kamen mir mehr als nur ZWEIFEL. Ja, sie ist eine gute und ehrliche Frau. Klug. Witzig. Ehrlich. Jeder mag sie. Jedoch… Inzwischen ist sie nun auch Mitte 30… Und da waren all diese jungen Thailänderinnen auf den Seiten der Reiseanbieter… Werbeanzeigen mit geilen Modell-Schnitten wie Cara Delevingne, die mir aufreizenden zulächelten… Und wenn wir nächstes Jahr heiraten würden, was war dann mit MEINEM Vermögen? War meine Freundin nicht zu klein geworden für diese große Welt die sich mich erbot? Konnte ich jetzt denn nicht jede Frau haben? Okay, vielleicht würde ich eines Tages bereuen, aber: So what?! Ich hatte verschissene 800 Millionen Euro! Ich war Dagobert Duck, nur mit einem Penis! Und auch als ich feststellte, dass Cara Delevingne lesbisch war, schränkte das meinen Höhenflug nicht ein. Ich konnte ALLES haben. ALLES. Später würde ich dann sicherlich auch noch was für die armen Kinder in Afrika spenden… Am besten für das Operndorf. Schliengensief muss man einfach mögen.

Es war jetzt sicherlich nicht die beste Entscheidung, sich auf der gerade begonnenen Kreuzfahrt von meiner Freundin zu trennen. Schließlich kann man auf so einem Schiff dem Partner nur semigut entkommen. Jedoch hatte sie darauf bestanden mit so einer öden Kreuzfahrt zu beginnen. Und ich war betrunken gewesen. Sagen denn Betrunkene nicht gern die Wahrheit? Das eigentliche Problem war nun gar nicht die Kreuzfahrt. Das Problem war, WARUM wir sie so sehr auf eine Kreuzfahrt bestanden hatte: Die Kreuzfahrt war der Hauptgewinn.

Einen Tag nachdem ich meine ehemals große Liebe Sabine in den Wind der Südsee geschossen hatte und ich insgeheim hartnäckig davon träumte mit meinen 800 Millionen Cara Delevingne doch noch hetero zu machen, löste der Moderator die Geschichte auf. Tatsächlich hatte ich mich einmal für eine Fernsehshow beworben. Und ja. Irgendwelche Papiere waren damals auf einem Tablet unterschrieben worden. Nur hatte ich nie wieder etwas von der Show gehört. Bis jetzt. Bis jetzt als der Moderator Mark Kafka aus einer Torte sprang und meinem verdutztem Gesicht erklärte, dass es keinen Lottogewinn gab. Es existierten keine 800 Millionen. Das Ganze war nur Show gewesen. Eine Game- und Verarschungsshow. Nur die Kreuzfahrt war real. 2 Wochen würde sie andauern. Mein ehemaliger Chef wurde über Skype zugeschaltet. Er erklärte lachend, dass er den Spaß gern mitgemacht hätte. Mein Job würde zuhause auf mich warten. Das mit dem Urlaub hatte die TV-Produktionsfirma schon vor Monaten mit ihm geklärt.  Auch meine Familie erklärte mir via Skype, was ich doch für ein edler Spender war. Blieb nur noch Sabine. Sabine. Meine große Liebe, die in alles eingeweiht gewesen war. Sabine, die schon immer einmal eine Kreuzfahrt machen wollte… Sie war sich meiner so sicher gewesen. Und jetzt war sie es, die sich meiner vor laufenden Kameras entledigte.

Rechtlich konnte ich nichts gegen die Farce unternehmen. Nur warnen. Ich versuchte alle anderen Menschen vor diesen Betrügern zu warnen. Die dir die Liebe deines Lebens wegnehmen, während sie dir deinen alten Job zurück geben… Ich bin so einsam ohne Sabine. Sie war wirklich die Liebe meines Lebens. Nur kann sie mir nicht mehr verzeihen… Warum versteht sie nicht wie krank mich diese Summe gemacht hatte? 800 Millionen Euro. Der größte Lottogewinn aller Zeiten. Könnte sie mir denn nicht, wenn sie mich wirklich lieben würde, verzeihen? Hatte sie die Aussicht auf die Kreuzfahrt, ebenfalls blind gemacht?

Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

Gürtel und Türklinke

1: „Wart mal kurz.“

2 nickt 1 zu während die Kellnerin die von ihnen bestellten Longdrinks auf den Tisch stellt. Als sie wieder außer Hörweite ist und die beiden Männer in ihren späten Dreißigern die beschlagenen Gläser prostend aneinander klirren lassen, grinst 2 seinen Freund süffisant an: „Ja, ja. Wir benutzen Smartphones aus China und von Apple und schämen uns dann mit unseren Geschichten vor einer Kellnerin. Schon ironisch!“

1: „Ich besitze kein Smartphone.“

2: „Echt nicht?“
1: „Total.“

2: „Cool.“
1: „Aber zu meiner Geschichte.“
2: „Stimmt. Du WOLLTEST mir ja gerade was erzählen. Bevor die… Und so weiter.“

1: „Genau. Weißt du… Ich habe diese Geschichte nie jemanden erzählt. Weil… Wem kann man heutzutage noch vertrauen? Und. Wer versteht einen heutzutage denn überhaupt noch? Das Internet ist ja gleich überall. Die Leute reden.“

2: „Schwiiiierig. Ich weiß.“

1: „Es ist auch ein eher… Besonderes Hobby.“

2: „Ach ja?“

1: „Ja. (Pause) Wenn man es überhaupt Hobby nennen kann. Weißt du. Ich bringe Menschen um.“

2: „Hm. Das klingt für mich nicht nach einem Hobby. Das klingt nach Vollbeschäftigung.“ Lacht.

1: „Ich lebe ja nicht davon. Es ist mehr so eine… Masche…“

2 (lacht) „MIICH bringst du aber nicht um, oder?“

1: „Ah geh! (lacht mit) du passt gar nicht in mein Profil… Wie gesagt normalerweise rede ich da so nicht drüber. Jedoch. Ich hatte erst 25 Jähriges. Das macht schon melancholisch. Vor 25 Jahren. Da hatte ich meinen Ersten. Kennst ihn bestimmt.“

2: „KANNTEST ihn bestimmt (lacht erneut).“

1: „Genau. Hahaha. Kurt Kobain.“

2: „Ja genau. Der hat sich doch vor 25 Jahren erschossen. Wie die Zeit vergeht, oder?“

1: „Der hat sich nicht erschossen. Das war ich.“

2: „Ja genau. DU! Hahaha! Der war gut.“

1: „Ja der Kurti. Der war der Erste. Weil. Hast die Geschichten bestimmt gehört gehabt. Dass jemand der so stoned war wie der dazu gar nicht fähig war.“

2: „Ja. Hab ich gehört.“

1: „Ich war auch eher zufällig da. Das erste Mal ist selten geplant. Ist aber meistens so.“

2: „Aha.“

1 „Ge-nau. Ich habs dann auch ne Weile bleiben lassen. Gute 13 Jahre. Weil. Beim ersten Mal denkt man ja nicht, dass man damit davonkommt. Es war ja auch ne wild Geschichte. Ich war ja auch total drauf und so. Wir zwei haben uns nach dem Kurti ja auch bald kennen gelernt. Du und ich. Mein alter 2. Aber. Ich konnte es dir damals nicht erzählen. Ich hatte dann doch noch Angst, dass sie mich kriegen… Mann, Mann… War das ne wilde Zeit und mit dem Kurti und der Kurtney. Die hat mir dann schon ne Weile leidgetan. Aber… Ja mei. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen. Das war wie ein Rausch im Rausch…“

2: „Und was war dann nach 13 Jahren?“

1: „Ja da habe ich mir eine neue Masche ausgedacht.“

2: „Welche?“

1: „Also. Pscht!“

Kellnerin: „Darfs bei euch no was sein?“

2: „Zwei Jägermeister.“

1 räsupert sich.

2: „VIER Jägermeister!“

Kellnerin: „Da schau her.“ Dann geht sie weg.

1: „Also. Hör zu. Die neue Masche war die Sache mit dem autoerotischen Tod. Weil. Da werden keine Fragen gestellt.“

2: „Was ist autoerotischer Tod?“

1: „Okay. DIE Frage wird IMMER gestellt. Ist aber ganz einfach. Nach der Sache mit dem Kurti, gab´s noch die Geschichte mit den INXES-Sänger.“

2: „Das warst AUCH du?“

1: „Ne. Das war wohl WIRKLICH ein Unfall. Hat mich aber auf die Idee gebracht. Asphyxie. Schon mal gehört? Okay, ich sag es dir. Das ist, wenn du dir beim Runterholen kurz vorm Orgasmus die Luft abschnürst. Das macht dich dann noch schärfer.“

2: „Total bescheuert. ABER davon habe ich gehört. Das gab´s doch in diesem Film mit dem Skaterjungen.“

1: „Den kenne ich jetzt nicht. Spielt jetzt auch keine Rolle. Auf jeden Fall bin ich dann in meinem Thailand Urlaub David Karabiner begegnet.“

2: „Der Typ aus der Serie KUNG-FU-KÄMPFER!“

1: „Genau der. Der auch  den Will in KILL WILL gespielt hat. Und weil ich eh gerade in Thailand beim ÜBEN war, dachte ich, den probiere ich gleich aus. Weil. Ich muss zugeben. Bei meinem Hobby kommt es schon auf die Reichen an. Okay. David Karabiner war jetzt nicht SOOO reich. Trotzdem sehr berühmt. Und ich hab´s dann wie´n accidental autoerotic death aussehen lassen.“

2: „Hä?“
1: „Als hätte er sich beim Wichsen stranguliert, Mänsch!“

Kellnerin: „Hier eure Jäger.“
1: „Danke Frau Meister!“ Lacht laut

Kellnerin: „So.“

2: „Ähm… Danke.“

1 und 2: „Aaahhh“ nachdem sie den ersten Jägermeister-Kurzen geext  haben.

1: „Ich muss zugeben, ich war mir nicht sicher ob ich aus der Geschichte so einfach heraus kommen würde. Und es war dann doch so… Dermaßen einfach. Die Thailänder haben auch keinen Bock drauf das Prominente bei ihnen sterben. Die wollen Touristen. Und gut ist.“

2: „Das die dir da nicht drauf gekommen sind. Da muss doch der Winkel beim Strangulieren passen. Und man muss einbrechen. Gerichtsmedizin! Du bist doch ein Lügner!“

1: „Iwo Lügner. Glaub mir. Bei diesen Fällen schaut die Polizei nicht so genau hin. Das ist ja eh jedem peinlich. Besonders der Familie. Da werden bei solchen Ermittlungen schnell die Akten geschlossen. Oder das Etikett DEPRESSION daran gehängt. Weil lieber sind die unglaublichen Superstar am Ruhm zerbrochen. Als dass sie perverse Wichser waren. Glaub mir. Und wenn du den Dreh mal raus hast, dann kommt dir da keiner drauf.“

2: „Du willst mir also erzählen, dass es dein Hobby ist berühmte Leute umzubringen.“

1 hebt den 2ten Jägermeister zum Gruß: „So isses!“
1 und 2: „Ahhhhh…..“

1: „Im Moment halte ich mich an Bandmitglieder von Bands, die ich nicht leiden kann. Vor ein paar Jahren den Lester von Linked im Park. Furchtbare Musiker. Gutes Opfer. Der hat richtig Spaß gemacht. Gürtel rum. Fertig. Die Medien erzählen was von Depression. Und das man da nicht darüber berichten darf. Weil Nachahmer. Dann so einen Electro-Pop-Bübchen. Grauenhafte Musik.“

2: „Davici?“

1: „Gürtel rum und weg damit.“

2: „Unglaublich…“

1: „Der letzte war der Sänger von Prodogy.“

2: „Prodogy ist doch toll.“

1: „Ja stimmt. Das letzte Album war aber trotzdem schlecht.“
2: „Das stimmt.“

1: „Also ran an die Türklinke mit dem Kerl.“

2: „Puh.“

1: „Und bei dir so?“

2: „Bei mir? Bei mir ist alles gut.“
1: „Joa. Bei mir auch.“
2: „Dann ist ja alles gut.“

1: „Sag ich doch.“

Der Bus, der nicht langsamer werden darf

Dass mit der Migräne, ist anstrengend. Ich habe sie nicht oft. Einmal im viertel Jahr. Spaß macht es natürlich dennoch nicht. Es ist dann ein sehr typischer Verlauf.

 Im ersten Moment an dem ich es bemerke, kann ich einen zentralen Punkt in meinem Sichtfeld nicht mehr fokussieren. Wie eine Art „blinder Fleck“. Bald darauf erscheint ein kleiner „Blitz“. Er schimmert wie ein kleines elektronisches Ikon, dass sich langsam immer weiter und weiter ausdehnt, bis ich gar nichts mehr erkennen kann. Schließlich dehnt es sich soweit aus, dass ich es nicht mehr bemerke: Dann erst kommen die schlimmen Kopfschmerzen. Sobald ich schlecht sehe trinke ich deswegen so schnell wie möglich sehr viel Wasser (meine eigentliche Sünde besteht darin, tagtäglich zu wenig davon zu trinken), wodurch ich teilweise den Migräne-Anfall verhindern kann. Vielleicht sind diese Anfälle auch gar keine echten Anfälle, sondern nur Einbildungen, die durch das Wasser vorübergehen. Vor meinen Augen blitzt und krieselt es eh immer. Ich sehe die Welt schon lange nicht mehr so wie normale Menschen. Doch das ist ein anderes Thema. Es hilft jedoch auch nicht. Sollte nach dem Wasser „der Blitz“ trotzdem erscheinen, folgen die Lösungen der chemischen Industrie. Sie helfen die Schmerzen zu lindern; ich bin ihr sehr dankbar.

Ich bin ein sehr hektischer Mensch. Mich „unruhig“ zu nennen wäre ein Euphemismus. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich Migräne bekommen würde, wenn ich mich zu sehr aufrege. Das Gegenteil ist der Fall:Wenn sich mein Körper zu sehr entspannt, sagen wir nach einer Hochzeit, einem Urlaub, der Entbindung seines Kindes oder nach einem Umzug, entspannt sich mein Geist und die Migräne schlägt zu. Einen gewissen Stresslevel brauche ich also um nicht ständig Migräne zu bekommen; zu viel Stress macht mich jedoch auch wahnsinnig und vor allem Schlaflos. Es ist wirklich ein Witz. Egal was ich mache, ich mache mich krank. Außer. Ich halte die Linie. Schere nicht nach links oder rechts aus. Und bin gerade so in der Spur. Dann ist alles gut.

Mich mit dem Bus aus dem Neunziger Jahre Film „Speed“ zu vergleichen, halte ich für mehr als logisch. In diesem Film mit Keanu Reeves muss der Bus mit den Geiseln über 50 Meilen pro Stunde fahren. Ansonsten wird die Sprengvorrichtung des Terroristen ausgelöst und der Bus gesprengt. Fährt der Bus jedoch zu schnell, baut er einen Verkehrsunfall. Spannender Film. Blöde Situation. Mein Leben.

Von der Angst, gefressen zu werden

Während der neue Staubsauberroboter durch die neue Wohnung flitzt, ist mal wieder die Zeit gekommen die Gedanken öffentlich auszubreiten. Denn. Es ist schon unglaublich wieviel Zeit so ein Umzug in Anspruch nimmt. Kraft sowieso. Wobei es noch ungeheuerlicher ist, wie stark man sich geistig und körperlich von solchen Kleinigkeiten aus dem Tritt bringen lässt. Andere bekommen oder verlieren Kinder im gleichen Zeitraum. Wir. Sind nur umgezogen. Raus aus der kleinen schnuckeligen Wohnung. Rein in das neue Haus. Eine spießige und zugleich schöne helle Doppelhaushälfte. Der Schritt nach vorne ist in dem Fall ein Schritt zurück, da ich in diesem Haus einst aufgewachsen bin. Jetzt. Bin ich wieder da. Und die Vergangenheit mit mir.

Es ist schon seltsam in ein Haus mit so viel persönlicher Geschichte zurückzuziehen. Viele Jahre in diesen Mauern waren die schwierigsten meines Lebens. Jede Familie hat ihr Drama. Jeder Mensch sein persönliches Martyrium. Und der hohle Spruch von der Geschichte, die einen immer wieder einholt, erweist sich einmal mehr als wahr.

Tagsüber ist alles in Ordnung. Wir haben die alten Gemäuer mit dem Krempel vollgestellt, den wir (meine Frau und ich) in der gemeinsamen Wohnung in den letzten drei Jahren angehäuft haben. Es sind die gleichen Regale mit der Hundertschaft an Büchern. Das Kanapee. Die Bilder an den Wänden. Fast genauso wie in den letzten Jahren. Doch wenn es Nacht wird, treten diese Dinge in den Hintergrund. In der Nacht kommen die Geister. Scherzhaft sprachen meine Frau und ich darüber, dass echte Geister in diesem Haus gar nicht zugange seien könnten, da vor diesem Haus hier bisher nur nackte Natur gewesen war. Wiesen und Wälder. In diesen Wänden ist meines Wissens nach keiner gestorben. Und doch… Sobald die Sonne unser Tal verlassen hat, kommen die Geister aus den Ecken. Sie sind nicht neu. Die Dämonen waren schon immer da. Zeit meines Lebens verfolgen sie mich hier. Diese krampfhaft realen Einbildungen. Schon als Kind, dann als Jugendlicher, wie auch als junger Mann warf ich immer einen angsterfüllten Blick über die Schulter, wenn ich zwischen den Zimmern wechselte. Irgendetwas schien mich hier in diesem Haus immer aus den Schatten zu belauern. Monster mit spitzen Zähnen. Kobolde mit fiesen Messern. Den Schritt zu beschleunigen wenn ich die Etage wechselte, wurde mir zur Gewohnheit.

Ganz schlimm ist es im Keller. Den Keller packe ich nachts auch heute nicht. Zu verschlungen lang und verwinkelt undurchsichtig ist er mir geblieben. Die letzten paar Schritte die Stufen hinauf, fühle ich mich immer noch gleich von hinten an den Schultern gepackt. Beim Umzug war das kein Problem. Letzte Woche ging es dann wieder los. Die Geister öffneten aus den Ecken ihre hungrigen Augen. Mein Schritt wurde schneller. Mein Stressspiegel stieg. Mit einem Mal war ich wieder 10 Jahre alt und Pennywise mir wieder dicht auf den Fersen. Dieses Mal würde es… Und dann blieb ich unvermittelt im Keller stehen. Wie lächerlich die Situation doch war. Ich bin inzwischen 38 Jahre alt. Ein Meter 95 groß. Handwerker mit der entsprechenden Physis. Was zum Himmel sollte denn bitteschön aus den Ecken kommen und so einen geraden Mann wie mich bedrohen? Zu meiner Drogenzeit mit dem irren Blick und der schweren Lederjacke, war ich es, der anderen alleine durch meinen Auftritt Angst einflößen konnte. Und jetzt? Jetzt stand ich in meinem Keller und hatte Angst vor dem schwarzen Mann. Genauer gesagt hatte ich Angst vor mir selbst und meiner Phantasie. Lächerlich! Selbstbewusst ging ich nach oben. Wo kommen wir denn da hin? Dieser Tag war gelaufen. Aber ein paar Tage später sah es gleich wieder ganz anders aus. Die Dämonen die uns heimsuchen, sind in uns selbst. Die Geister die uns bedrohen, unsere eigene Vergangenheit. Wovor fürchtet sich mein Unterbewusstsein? Vor der Brutalität meines Vaters? Den Schlägen meiner älteren Schwester? Der Verachtung meiner Mutter? Meiner eigenen Wut, die ich mir selbst einst gegenüber ausdrückte? Was sind es für Dämonen, die mich heute noch davor Angst haben lassen, im eigenen Haus gefressen zu werden? Denn. Um nicht weniger geht es. Die Sorge, von der eigenen Furcht in Stücke gerissen zu werden. Dafür. Kann man leider nicht zu alt werden. Denn die Geister werden nicht weniger. Im Gegenteil. Das hier. Ist die Fortsetzung des Horrors. Und in den Fortsetzungen, wird noch einmal eine Schippe draufgelegt

Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.